Wir blicken über die Kasernenwiese in die Sonne des frühen Abends. «Den ganzen Nachmittag habe ich mir überlegt, was wird sie dich wohl fragen?», sagt Ahmed Abdurahim lachend. Welche Form von Kunst interessiert ihn? Kino am meisten, sagt er, aber Kino sei zu teuer. Gerne nutzt er das Angebot «Free for Refugees» der Kaserne Basel. Tanz interessiert ihn am meisten. Da wird nicht nur geredet, da wird auch etwas getan. Ahmed Abdurahim, 24, aus Gienda in Eritrea, seit drei Jahren in Basel, mag gerne Hip-Hop und Rock. Pop? «Eher weniger.» Er schmunzelt.

Ahmed Abdurahim schreibt Gedichte und ein Stück über Flucht. Ob er von seiner Flucht erzählen mag? Er zögert und beginnt dann zu erzählen. Sudan, Libyen, die Tage in der Sahara. Das überfüllte Schiff. Der Schiffbruch vor Italien. Wie knapp die Hälfte der Menschen gerettet werden konnte, weil Stunden vergingen, bis ihnen geholfen wurde, nachdem sie entdeckt worden waren. Zwei Monate in einer Klinik mit einer Benzinvergiftung und einem entzündeten Fuss. Die Schweizer Polizei konfisziert seine Medikamente, hält sie für Drogen; nackt ausziehen, Kontrolle.

Später kommt er nach Altstätten, dann nach Rodersdorf. Die ersten drei Monate in Rodersdorf sagt ihm keiner «hallo». Er denkt: «Ich will zurück nach Eritrea, lieber in ein Land mit Krieg, als keiner, der «hallo» sagt.» Dann, nach drei Monaten, die Wende. In Rodersdorf werden Begegnungen organisiert, Flüchtlinge kochen für Einheimische. «Leckere Gerichte», sagt er, «scharf, aber man kann sie auch weniger scharf machen». Von jetzt an wird er gegrüsst auf der Strasse. Viele bieten ihm und seinen fünf Kollegen Hilfe an, etwa beim Ausfüllen amtlicher Formulare. Er bekommt eine Begleitperson zugeteilt, die ihn sehr unterstützt. Nach drei Jahren spricht er fliessend deutsch.

Etwas tun gegen die Angst

Gegen zwei Dinge möchte er künstlerisch etwas tun. Gegen die Angst der Europäer vor «people of colour», die er immer wieder erlebt. «Sie können schon Angst haben», sagt er, «aber sie sollen zuerst die Menschen kennen lernen. Wenn sie dann immer noch Angst haben, ok, aber nicht vorher.» Und gegen das Trauma: «Ich möchte Menschen, die geflüchtet sind, helfen, ihre Flucht zu verarbeiten.»

Es ist Viertel vor acht. «Wir sollten langsam rüber gehen», sagt er. Er sitzt gerne hinten, ich sitze gerne vorne, wir setzen uns in die Mitte. «Hoffentlich wird es lustig», meint er. Lustig wird es dann nur passagenweise. Aber nie langweilig. Helena Waldmanns «Gute Pässe Schlechte Pässe» ist ein Stück für zwei Tanzcompagnien, eine zeitgenössische und eine aus dem Feld des Nouveau Cirque. Zwischen ihnen liegt eine am Boden markierte Trennlinie, die auch von einer menschlichen Mauer repräsentiert wird, von Männern und Frauen in schwarzer Kleidung, Arm in Arm verschränkt, sich als Tatzelwurm bewegend. Die Kommunikation zwischen den beiden Tanzkulturen: schwierig.

«Das ist eine Rolle» sagt der Akrobat zu seinem Purzelbaum. «This is a role» antwortet der Tänzer mit einer betont grazilen Drehung. Eindrücklich kritisieren ein Gerangel um die Fahnenstange und «the human flag» den Nationalismus. Das Stück entlarvt jeglichen Stolz: den auf die Verfassung, den auf die eigene Religion, überhaupt auf das Eigene. Tänzerisch zärtlich, artistisch atemberaubend wird ein einziges Thema variiert: Die Grenze lässt sich nicht auflösen.

Die Musik untermalt das Motiv, eine kitschige Variante von Jacksons «We Are the World» wird jäh von einem Synthesizer-Kettensägen-Sound abgelöst. Als möchte das Stück sagen, wir seien nicht eine Welt, so lange es gute Pässe gibt und schlechte, solange ein Deutscher in 178 Länder einreisen kann und ein Afghane in 25 Länder. Und ja, sagt Helena Waldmann im Publikumsgespräch, sie sei der Ansicht, die Integration sei gescheitert, die Bereitschaft der Offenheit auf Seite der Ankunftsländer von gar kurzer Dauer gewesen. So perfekt in der Performance, so pessimistisch in der Position.

«Es muss immer weitergehen»

Was ist Ahmed Abdurahims Perspektive zu dieser Position, teilt er sie? «Ja und Nein», sagt er sofort, er erlebe beides, Offenheit und Unangenehmes. Aber wenn er Schlimmes erlebe, gehe er einfach weiter. Besonders spannend am Stück findet er das Artistische, diese Rückwärtssaltos beispielsweise. «Am besten gefallen hat mir die Situation, in der ein Athlet sich verletzt hat und trotzdem nicht aufgab. Er blutete, tanzte aber weiter, ohne den Fluss des Stückes zu unterbrechen. Es muss immer weiter gehen.», sagt er.

«Let’s get to know each other» heisst es im Stück. Ahmed Abdurahim nutzt diese Möglichkeit bereits als Besucher kultureller Veranstaltungen. Es ist Freitag, kurz vor Mitternacht, wir trinken den letzten Schluck im Parterre. Tags drauf wird Abdurahim mit einem Geflüchteten aus Syrien reden. Vielleicht bereits nächstes Jahr werden wir dessen Geschichte kennen lernen. In einer Produktion, in der Ahmed Abdurahim Regie führen wird.