Theater Basel

Eine saumässige Freude am Überkandidelten

Erinnert ästhetisch an Herbert Fritschs aufgedrehte Dramen: «Das Sparschwein» als wilder Vaudeville mit energetischen Schauspielern. Simon Hallström

Erinnert ästhetisch an Herbert Fritschs aufgedrehte Dramen: «Das Sparschwein» als wilder Vaudeville mit energetischen Schauspielern. Simon Hallström

«Das Sparschwein» quiekt als Riesenklamauk auf der Bühne des Schauspielhaus Basel. Die Inszenierung spart nicht an Geschmacklosigkeiten. Und das ist gut so.

«Schuld an allem ist das Sparschwein.» Es war zum Platzen voll von den allmontäglichen Einsätzen im Kartenspiel. Und sein geknackter Inhalt brachte einen Verein etwas tumber, aber durchaus liebenswerter Dörfler dazu, in einen Ausflug nach Paris zu investieren. 491 Francs und 20 Centimes galt es vergnüglich auf den Kopf zu hauen. Doch eh sie es sich versehen, landen sie auf dem Polizeiposten, im Gefängnis, im Puff.

Regisseur Martin Laberenz nimmt Eugène Labiches slapstickhafte Komödie «Das Sparschwein» von 1864 – in der Übersetzung und Bearbeitung von Botho Strauss – und regelt den Verstärker ganz nach oben. Er macht alle und alles grösser, blöder, überkandidelter, exaltierter. Es gibt kein Klischee, keinen Gag, keinen Kalauer, den er auslässt. Und das tut gut so. So gerät die schrille Screwballkomödie zum so oberflächlichen wie reinen Heidenspass.

Anstrengende Frisuren

Bob Dylan hat den Leopardenfellhut in die Musikgeschichte eingebracht, dank Kostümbildnerin Adriana Braga Peretzki geht nun der Wildschweinkopfhut in die Theatergeschichte ein (Myriam Schröder trägt ihn gut als sexy, alte Jungfer). In derart grotesken Kostümen und schlecht sitzenden Perücken, die Schnäuze schief, die Bauchpolsterung verrutscht, der Busen waagrecht, das Haar senkrecht in Marge-Simpson-Manier aufgetürmt, so wanken sie Verwüstungen anrichtend durch die grosse Stadt. Diese ist im Schauspielhaus Basel eine Revue-Bühne mit vielen goldenen Ringen – oder sind es Nullen? –, die zum Herumturnen einlädt (Bühne: Volker Hintermeier). Die Schauspieler rutschen kopfvoran Stiegen hinunter, schwingen auf Kordeln, hangeln sich dem Balkon entlang.

Fast alle Konstellationen erleben zu einem Zeitpunkt einen Moment der brachialen, aber von diesen scheinbar unbemerkten Erotik. Der Schwiegersohn in spe besteigt beim Handanhalten um die Tochter den Schwiegervater. Das Lesen eines Briefes gerät vom anfänglichen Erstaunen (Aha!Oho!Uhu!) zum Orgasmus-Chor. Und die Tochter wird sich irgendwann, oh Himmel, raufhangeln an des Geliebten Geschlecht.

Anspielung auf Terrorattacke

Eine Geschmacklosigkeit gab in der Pause am meisten zu reden. Die unzweideutige Anspielung auf die Terrorattacken in Paris. Ausgerechnet Sylvain (Max Rothbart), der als schüchterner Mann vom Lande hinreissend komisch und zärtlich spielt, fällt die Aufgabe zu. In einem Einzelauftritt bearbeitet er das Wort Paris mit variierendem Bedeutungsgehalt, bis er am Schluss in ein pa-pa-pa-Staccato fällt, das das Geräusch eines Maschinengewehres simuliert. Dazu macht er Schiessbewegungen. Und damit es auch noch die letzten begreifen, wird «Kiss The Devil» der «Eagels of Death Metal» eingespielt, just das Lied, das kurz vor dem Anschlag auf den Pariser Musikclub Bataclan gegeben wurde.

Problematisch hierbei ist nicht der Anachronismus – schliesslich variiert die Inszenierung geschickt mit Zeitgenössischem und Damaligen. Auch sollte gerade Theater nicht vor solchen Tabus Halt machen müssen. Doch diese Anspielung kommt additiv dazu, ein Gag mehr, ohne inhaltliche Verschränkung oder Auseinandersetzung. Die Anschläge sind jedoch zu ernst, um als blosse Assoziation herzuhalten.

Die Szene zerstört den Abend aber nicht. Es ist bloss ein Moment, in dem man sich wünscht, dass nicht alle Einfälle, die naheliegend sind, auch umgesetzt werden.

Die Komödie ist klug komponiert. Kriegt der Apotheker seinen Braten? Kriegt dieser Felix seine Blanche? Nebst solchen Fragen nach den Bedürfnissen der ersten Stufe werden wichtige politische Fragen angesprochen: Wie gut ist eine Demokratie, wenn die Mehrheit eine Minderheit ins Schlamassel wählen kann? Und natürlich geht es um die Liebe. Und um das Geld. Was kann man damit machen? Was macht man, wenn man keines hat? Wer zählt es? Wer teilt es auf?

Musik und Spiel ergänzen sich

Der Abend fällt trotz gewisser Längen nicht auseinander. Zu einem nicht kleinen Anteil ist dies dem Musiker Arno Waschk zu verdanken: Auf vier Goldbarren sitzend – den Klaviersessel hat er irgendwann den Spielern hergeben müssen –, das Stück nicht nur musikalisch unterstreichend, sondern sein Spiel aufmerksam, gewandt und lustvoll mit dem Geschehen auf der Bühne synchronisierend, trägt er stark dazu bei, dass Musik und Schauspiel eine Einheit ergeben. Wäre das Geschehen auf der Bühne nicht so fabelhaft, man könnte auch den ganzen Abend Arno Waschk zusehen, wie er das Stück aufmerksam verfolgt und darauf reagiert. Und so stark er bei der Marseillaise in die Tasten haut, so behutsam wird’s, wenn die wenigen ernsten Szenen kommen.

Mit mehr Schwein als Verstand entrinnen die Provinzler allen Lebensgefahren. Mit weniger Verstand als Lust an dieser Zotenorgie und den sich ganz dreingebenden Schauspielern verrinnen die 200 Theaterminuten. Lustig. Erholsam. Eine aberwitzige Komödie als Medizin gegen die Traurigkeit aktueller Horrormeldungen.

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