Ausstellung

Eine reale Comicwelt aus Pappe im Basler Cartoonmuseum

Aus der Perspektive des Helden: Die im Cartoonmuseum aufgebauten Kulissen werden zum Comic-Bestandteil.zvg/Cartoonmuseum

Aus der Perspektive des Helden: Die im Cartoonmuseum aufgebauten Kulissen werden zum Comic-Bestandteil.zvg/Cartoonmuseum

In zwei Ausstellungen wird der junge, innovative Comic gewürdigt – und das Werk eines alten Meisters.

Im Cartoonmuseum Basel übernimmt der Besucher die Perspektive eines Comic-Helden. Man wird in eigenartige Kulissenräume geschleust, die mit Möbel, einem Getränkespender und anderen aus dickem, braunem Karton gebauten Objekten ausgestattet sind. Es riecht nach frischer Farbe, die Räume wirken klinisch sauber und sind schattenlos ausgeleuchtet. An den Wänden hängen die gerahmten Seiten der aktuellen 15. Ausgabe des «Ampel Magazins». So versinkt man tief in die inszenierte Comicwelt der aktuellen Ausstellung «Normalerweise war’s das. Ampel Magazin». Sie wurde von den drei jungen Zeichnern Anja Wicki (*1987), Luca Bartulovic (*1988) und Andreas Kiener (*1986) bestritten. «Das Trio erhielt von uns eine Carte Blanche», erklärt Museumsdirektorin Anette Gehrig. «Wir wollten diesem jungen und innovativen Trio aus Luzern eine Plattform bieten».

Absurdes Spiel mit der Illusion

Die Bilder der aktuellen Ausgabe des Comics werden nicht nur vereinzelt in den Räumen baulich umgesetzt, sondern die Museumsräume fanden auch Eingang in den Comic. In einigen der aufgehängten Magazinseiten erkennt man darum vereinzelte Räume des Cartoonmuseums wieder. Es ist ein absurdes Spiel mit der Illusion. Der gezeichnete Flachraum wird im Museum physisch erlebbar gemacht und lässt einen in die abstrakte Comicwelt eintauchen. Man geht dieser Täuschung gerne auf den Leim. Doch zugleich, und das macht es umso interessanter, sind die Grenzen dieser Illusion klar abgesteckt. Würde man auf die Pappmöbel sitzen, in der Hoffnung ganz in der Figur aufzugehen, würde die von den Künstlern gebaute Kartonwelt in sich zusammenbrechen.

Sexuelle Belästigung thematisiert

Die 15. Ausgabe des «Ampel Magazins» thematisiert eine Vater-Tochter-Beziehung, die von den schwerwiegenden Folgen einer Lüge gezeichnet ist. Die Tochter hatte ihren Vater der sexuellen Belästigung bezichtigt, obwohl dies nicht der Wahrheit entsprach. Beide Leben werden dadurch stark in Mittelleidenschaft gezogen. Der Comic ist handlungsarm, schafft aber durch eine sorgfältige Bildgestaltung und wohlkalkulierte Dramaturgie eine sehr spezifische Atmosphäre. Gehrig betont: «Es sind die Leerstellen, die hier sehr viel erzählen.» Alle drei Zeichner würden das Stilelement der Ligne Claire nutzen und dieses auf sehr individuelle Art interpretieren. Das heisst die Zeichnungen werden durch präzise Konturen und einfarbige Kolorierung bestimmt. Entsprechend flach wirkt die gezeichnete Welt.

Der Comic entstand in intensiver Zusammenarbeit: Gemeinsam entwickelten die Zeichner das Storyboard – die eigentliche Basis des Comics – und teilten dann die einzelnen Partien untereinander auf. Da die Autoren jeweils ihrem individuellen Stil treu blieben, bleibt auch die Arbeit des Einzelnen sichtbar. Vereinzelte, ausgewählte Bilder entstanden jedoch in gemeinsamer Zeichnungsarbeit. So etwa das stimmungsvolle Meerbild, welches das Cartoonmuseum zum Ausstellungsplakat erkoren hat.

Porträts von Jazzmusikern

Parallel dazu eröffnet das Cartoonmuseum eine Kabinettsausstellung mit Zeichnungen des Basler Künstlers Hans Meury (1929–-2007). Sein breites und beeindruckendes Werk ist besser unter seinem Künstlernamen Haëm bekannt. Ab den 1960er-Jahren zeichnete er regelmässig für diverse Schweizer Wochenzeitungen und die Satirezeitschrift «Nebelspalter». Aber auch international fand Meurys Werk Beachtung.

Für die Ausstellung rückte Anette Gehrig Haëms brillante Porträts von Jazzmusikern ins Zentrum. Es ist eine kleine und feine Auswahl aus dem grossen Nachlass des Künstlers, der im Cartoonmuseum deponiert und inventarisiert wurde. Mit schnellen und präzisen Tusche-Strichen schafft der Cartoonist Gestalten von imponierendem Ausdruck. Sie sind zugleich filigran wie grosszügig virtuos, lustig, grotesk und doch ernsthaft. Die Jazzmusik, die Hans Meury beziehungsweise Haëm seit seiner Jugend faszinierte, wird dadurch gleichsam visuell dargestellt. Aus wenigen, klaren Strichen entstanden Zeichnungen, genauso wie sich aus scheinbar simplen Tonabfolgen virtuose Jazzmelodien zu entwickeln vermögen.

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