Roman

Eine qualvolle Reise über den Ozean: Gustav Mahlers langes Warten auf die fliegenden Fische

Gustav Mahler zusammen mit der von ihm angebeteten Frau Alma in der Nähe ihrer Sommerresidenz in Toblach im Jahr 1909.

Gustav Mahler zusammen mit der von ihm angebeteten Frau Alma in der Nähe ihrer Sommerresidenz in Toblach im Jahr 1909.

Der Starautor Robert Seethaler begleitet im Roman «Der letzte Satz» den Komponisten Gustav Mahler auf einer Todesreise.

Kaum die erste Seite gelesen, schon mit einem Bein im fremden Gedankenstrudel, glaubt man, sich bei Robert Seethalers Roman «Der letzte Satz» in den letzten Seiten von Thomas Manns «Tod in Venedig» wiederzufinden – und will sich naturgemäss mit aller Kraft von diesem unheilvollen Sog befreien. Der Moderduft Venedigs will gar nicht mehr aus der Nase, da mag man alsbald noch so prächtig und farbenreich im Wien der Wende vom 19. ins 20.Jahrhundert versinken. Doch dieses Wien trägt Trauerflor. Da ist ein hocherfolgreicher Mann, der tausend Lasten auf den Schultern trägt. Psychisch und physisch ist er am Ende. Er spricht so lapidar über den Tod, als könne man ihn wie einen Kaffee bestellen: «Es muss schrecklich sein, zu verdursten. Aber jedes Sterben ist schrecklich. Wie hättest Du es gerne?»

Krankenakte kunstvoll ausgeschmückt

Es wird nichts mit dem Ausstieg, der 54-jährige Seethaler will, dass wir mehr wissen von diesem leidenden älteren Herrn, von dem ihn bedienenden jungen Mann, den Schwindelanfällen, der Migräne, vom Meer und den rasenden Herzen. Dieser Roman scheint immer leicht zu jammern: Bald ist es der Protagonist, der todkranke Komponist, bald seine Ehefrau Alma, bald Bildhauer Auguste Rodin.

Seethaler hat eine Krankenakte kunstvoll ausgeschmückt, hat dem Leiden von Gustav Mahler (1860–1911) einen Roman geschenkt. Wir begleiten den Komponisten auf einer Ozeanfahrt nach Amerika, erleben, wie er auf dem Deck sitzend vor sich hinsiecht. In New York erwarten sie ihn, den berühmtesten lebenden Komponisten und Dirigenten. Auf dem Schiff fröstelt Mahler, Decken werden gebracht, Decken werden weggetragen. Das Zittern hält ihn nämlich warm.

Der Wind weht dumme Gedanken aus dem Kopf

Die Suche nach den fliegenden Fischen ist vergeblich. Und sind sie die Seelen der Ertrunkenen, die sich nicht mit der Dunkelheit abfinden können, und das Licht suchen, wie der Schiffsjunge meint? Wer weiss, er steuert jedenfalls in all seiner Naivität das Gespräch. Nur der Bitte Mahlers, ihn ins Meer zu werfen, kann er nicht nachkommen.

Gut geht da immer ein Wind, hat Mahler doch den Eindruck, er wehe ihm dumme Gedanken aus dem Kopf. So gilt es, stillzuhalten und zu warten – den Tod zu erwarten. Er scheint ihn zu kennen, denn schon früher in der Staatsoper lauerte er überall. Der Schreibtisch war ein ­riesiger schwarzer Monolith, der Mahler an eines der Familiengräber auf dem Wiener Zentralfriedhof erinnerte.

Seethaler erzählt eine Geschichte mit dunklem Ziel und ohne Ausweg. Elegant reiht der österreichische Schauspieler und Schriftsteller, dessen Buch «Ein ganzes Leben» im Jahr 2016 für den Man Booker International Prize nominiert wurde, Episoden und Episödchen an­einander, und bringt uns den Menschen Gustav Mahler nahe. Das wird auch jene Leser berühren, die noch nie eine seiner ­monumentalen Sinfonien durchgelitten haben.

Die Tür zum Schlafzimmer der Mahlers geht auf, wir blicken in die Badewanne Almas, alsbald sehen wir ihr totes Kind. Und dann taucht auch noch ein Liebhaber auf, Architekt Walter Gropius...Ein veritabler Ehekrach entfacht, doch Alma ist sehr klar: «Alles, woran ich einmal geglaubt habe, existiert nicht.» Ausser Musik ist da nichts im Kopf von Mahler.

Wie war er doch beliebt und erfolgreich damals, als er mit unerbittlichem Fleiss probte und probte, Aufführung um Aufführung stemmte, und sagte, man brauche nicht dabei zu sein, wenn man unsterblich wird.

Jetzt ist Mahler der Welt aber abhandengekommen, er hat niemanden mehr neben sich– nicht mal der Bildhauer Rodin, dem Mahler seine Zeit am ­liebsten gar nicht schenken ­würde und für ihn nicht still­halten will. Aber irgendwann werde er schon still sitzen, ­tröstet er sich: für immer. Vorher aber sitzt er noch bei Dr. Freud. Doch selbst der kann nicht ­helfen:

Triumph mit der «Sinfonie der Tausend»

Nüchtern erzählt Seethaler von Mahlers grösstem Triumph, der Aufführung der «Sinfonie der Tausend» vor 4000 Menschen. Wir stecken in einem Roman, hier dürfen wir Dinge erfahren und nachsinnen, die es nie ge­geben hat. Aber es wirkt eigenartig, wenn in einem Detail exakt gefehlt wird, wenn eine Aufführung der 8. Sinfonie im Buch «knapp eine Stunde» dauert, wo doch das Werk kaum unter 80Minuten zu bewältigen ist.

Seethaler spricht nicht viel über Musik, ja lässt Mahler sagen: «Sobald die Musik sich beschreiben lässt, ist sie schlecht.» Und vorbei ist der Akkord.

Einen Romanrahmen aber soll die Arbeit an Mahlers 9. Sinfonie bilden. Ob er vorankomme, fragt ihn seine Frau. «Ich weiss nicht. Ich habe einen Vogel gehört», antwortet Mahler. Doch wie soll die Neunte bloss enden? «Ich glaube, ich hab’s», sagt er eines Tages zu Alma. «Es ist eine Auflösung. Ein Verstummen in der Ewigkeit.» Die Ehefrau hört es nicht, sie schläft.

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Autor

Christian Berzins

Christian Berzins

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