Literatur

Eine Kindheit in Israel: Nir Baram erzählt vom Krebstod der Mutter und dem Suizid des besten Freundes

Der israelische Schriftsteller Nir Baram hat mit «Erwachen» einen stark autobiografischen Roman geschrieben.

Der israelische Schriftsteller Nir Baram hat mit «Erwachen» einen stark autobiografischen Roman geschrieben.

«Erwachen» des israelischen Autors Nir Baram ist stark autobiografisch - und ein Roman über das Dazwischen.

«Chronik zweier angekündigter Tode» könnte Nir Barams neues Werk heissen. Denn dem 1976 in Jerusalem geborenen Autoren geht es um die Krebserkrankung und lange Leidensgeschichte der Mutter und den Selbstmord des besten Freundes Uri, dem auch das Werk gewidmet ist. Barams neuer Roman heisst aber «Erwachen»; der hebräische Originaltitel «Jekitsa» trägt in sich die Bedeutung von «kets», Ende, und von «kajits», Sommer, wie Übersetzerin Ulrike Harnisch im Anhang erklärt.

Um die beiden Kapitel «Erwachen» in der Mitte und «Sommer» am Ende herum hat Baram seinen Roman komponiert. Der erfolgreiche Schriftsteller Jonathan beschliesst nach einem Literaturfestival in Mexiko spontan, in dem Nobelhotel zu bleiben. Meistenteils liegt er im Bett, abends spaziert er um den Hotelkomplex oder feiert mit neuen und alten Bekannten, viel Alkohol und nicht wenig Koks bis zur Besinnungslosigkeit. In verschachtelten Rückblenden schaut Jonathan zurück auf die Kindheit Ende der Achtziger- , Anfang der Neunzigerjahre im Jerusalemer Viertel «Beit Hakerem». Er wächst auf am Fusse der «Hohen Türme» – Hochhäusern am Ende des Wadis, die die enge Welt begrenzen. Von jenseits der Grenzen droht Gefahr. Zunächst von Jugendlichen rivalisierender Gangs, später von Arabern, die Soldaten der Armee brutal bekämpfen.

Sie sind unterschiedlich, die Freunde Joel und Jonathan. Fast am Schluss heisst es, sie verbinde die Angst, «in einem Leben ohne Alternative gefangen zu sein»; doch sei Joel schutzlos, während es Jonathan als Schriftsteller gelungen sei, sich in der Fantasie Rückzugsorte zu schaffen. Joel betrachte den Freund daher «mit einer Mischung aus Bewunderung und Verachtung». Immer mehr bestimmen solche Antagonismen die anfangs fast symbiotische, später zunehmend von Entfremdung geprägte Freundschaft – der beliebte, grüblerische Joel hier, der ruhigere, ängstliche Jonathan dort.

Der Gegensatz ist auch wichtiges Moment in Jonathans Beziehung zur Mutter, die ihm letztlich fremd bleibt. Auch, weil sie eine schon überaus enge Beziehung mit dem viel älteren Sohn Schaul verbindet, den Jonathan auch deswegen mal voller Hass, mal voller Liebe und Bewunderung betrachtet.

Ein stark durchkomponiertes Werk

«Erwachen» ist ein stark autobiografischer Roman und unterscheidet sich schon daher stark von Barams Romanen «Gute Leute» und «Weltschatten»; es ähnelt eher dem Sachbuch «Im Land der Verzweiflung. Ein Israeli reist in die besetzten Gebiete». Doch liefert Baram wieder ein stark durchkomponiertes Werk ab, eines, das bis in kleinste Kleinigkeiten durchdacht und bedeutend ist. Jedes Detail wird bedacht und gewogen, observiert und interpretiert. Das bietet in guten Passagen genau beobachtete Details, die die Welt in sich tragen, in schlechte übertriebene Selbstbeschau, beinahe Egozentrik. Dann steht dem Spass an der Lektüre Barams Übermass an Genauigkeit entgegen, ächzt der Erzählfluss unter der tonnenschweren Bedeutung.

Gekonnt aber taucht Baram in die Welt des Dazwischen: zwischen Leben und Tod, Kindheit, Jugend und Erwachsensein, zwischen Kind- und selbst Vatersein, Liebe und Hass, Tag und Nacht, Rausch und Nüchternheit. Auch Jonathans berufliche Welt wird von dieser Dualität geprägt, wenn sich der Schreibende eine neue Welt zwischen Realität und Fantasie schafft, aus Erinnerungen schöpft und sie doch bis zur Unkenntlichkeit verändert, zuweilen sogar zerstört, um Neues zu schaffen.

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