Basel

Eine hyperreale Begegnung mit dem Tod

Während Romeo Castelluccis Installation «The Metopes of the Parthenon» darf sich das Publikum frei in der Messehalle 3 bewegen.

Während Romeo Castelluccis Installation «The Metopes of the Parthenon» darf sich das Publikum frei in der Messehalle 3 bewegen.

Tod oder Leben. Drunter macht ers nicht. Seine Stücke sind stets existenziell, der Schmerz zentral. Der Regisseur Romeo Castellucci ist in der Stadt – und schon fahren die Ambulanzen mit Blaulicht und Martinshorn ein.

Ein Mensch liegt in einer Blutlache. Eine Frau. Es ist ihr Blut. Etwas Schreckliches ist geschehen. Sie stöhnt. Sie sieht das viele Blut. Das Entsetzen packt sie. Todesangst.

Endlich ertönt von Weitem das Martinshorn. Eine Ambulanz fährt ein, mehrere Rettungssanitäter und eine Ärztin springen heraus. Sie schliessen Geräte an, stecken eine Infusion, kontrollieren Puls und Blutdruck, versuchen die Blutung zu stoppen, Beatmung, Herzmassage. Kontrollierte Hektik entlang einem genau festgelegten Protokoll. Doch dann mittet der Herzschlag der Frau sich akustisch zu einem langgezogenen Ton. Es ist zu Ende.

Jetzt wird es ganz still. Die Rettungssanitäter packen schweigend alle Geräte wieder ein. Sie legen ein weisses Tuch über die Tote, die eben noch lebte. Sie steigen wieder in die Ambulanz ein und fahren fort.

Realistisch und doch mystisch

Zurück bleibt man selbst, das Publikum. Mitgenommen, als ob man einem echten Todeskampf beigewohnt hätte. Obwohl klar ist, dass das alles Theater ist. Obwohl die Schauspielerin zu Beginn vor uns allen auf versehrt geschminkt, mit Theaterblut aus einem Plastikkanister überschüttet worden ist und sich dann auf den Boden der Messehalle 3 gelegt hat. Gerade haben wir noch mit dem Oberarzt Lukas Iselin gelacht, der sagte: «Wir sind das einzige Unispital, das je gezeigt hat, wie man stirbt.»

Der Orthopäde und Unfallchirurg hat die Theaterleute beraten. Er habe ihnen gezeigt, wann und wie man röchelt, stöhnt oder schreit, erzählte auch Stephanie Gräve, die Stellvertretende Künstlerische Direktorin des Theaters Basel. Sie konnte den international bekannten italienischen Regisseur Romeo Castellucci für diese «szenische Installation» während der Art Basel gewinnen.

Doch sobald dieses Theater beginnt, erschüttert es einen durch seine hyperrealistischen Bilder. Noch weitere fünf Mal müssen wir eine ähnliche Notfallszene über uns ergehen lassen, sehen eine Frau mit einer heftigen allergischen Reaktion ersticken, einen verätzten Mann schreien, einen anderen seine herausquillenden Gedärme halten. Und stets endet der Rettungsversuch des herbeigeeilten Rettungsteams in der Vergeblichkeit, in einer flachen Herzlinie, im Tod eines Menschen.

Was jeweils danach kommt, ist ebenso eine variierte Repetition: An der Wand erscheinen Sätze: ein poetisch formuliertes Rätsel, die mythologische Sphinx könnte es sich ausgedacht haben. Nach einer Weile steht der tote Mensch auf, das weisse Laken in der Hand. Das Rätsel wird aufgelöst, der Mensch geht. Griechisch verrätselt nennt Castellucci sein Stück denn auch «The metopes of the Parthenon». Metopen sind Zwischenöffnungen. Diejenigen am Parthenontempel sind mit Reliefs verzierte Platten, auf denen Kämpfe dargestellt sind.

Theater der Grausamkeit

Theater der Grausamkeit. So nannte der Regisseur und Theaterphilosoph Antonin Artaud 1932 sein Konzept eines neuartigen Theaters. Es sollte sich vom naturalistischen Literaturtheater entfernen und mit eigenen formalen Mitteln eine körperlich und emotional intensive Erfahrung bieten. Artaud, liest man, ist das in der Praxis kaum gelungen. Romeo Castellucci hingegen bekommt das hin. Meist ganz ohne Dialoge schafft er eine eigentümliche, heftige Theatererfahrung.

Gerade in dieser neusten Basler Inszenierung mit echten Notärzten und Rettungssanitätern, lässt er uns Zuschauern dem Tod begegnen und gibt uns ein Gefühl für die Einsamkeit der Sterbenden. «Am Ende stirbt man immer ruhig», sagt der Arzt Lukas Iselin. Daran klammern wir uns, als wir die Halle 3 verlassen. Eine Putzequipe wischt Blut, Urin und Eiter weg. Das Leben geht weiter.

Die bz war an der Generalprobe, Premiere war am Dienstag. Vorstellungen bis Freitag, jeweils 20 Uhr, am Donnerstag auch um 16 Uhr.

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