Der Pianist beginnt zu spielen. Sobald die ersten Töne erklingen, weicht die Anspannung von den Chorsängern und -sängerinnen. Zuvor redeten sie alle auf Barbara Schingnitz ein, die am vorderen Bühnenrand laut ihre Gedanken zu ordnen versuchte, doch nun kehrt jeder zu sich selbst zurück. Langsam sinkt einer nach dem anderen zu Boden, als wäre das kurze Stück aus Schönbergs «Fragmenten von Klavierstücken» ein Schlaflied, dem sich am Ende alle beugen müssen.

Als Miguel Pisonero am Flügel in der Mitte der Bühne den letzten Ton spielt, liegen die Sänger und Sängerinnen schlafend auf dem Boden. Doch Barbara Schingnitz ist noch wach. Sie hat sich einen Stuhl und einen kleinen Tisch geholt, auf dem sie nun mit schwarzen Karten eine Partie Patience beginnt. Aus Lautsprechern ertönt eine Männerstimme: «Nacht, sacht, wacht, lacht, beobacht, bewacht, entfacht, acht.» Zwischen diese ruhigen Wortfolgen wirft die Schlaflose wilde, eindringliche Sätze, während sie hektisch mit dem Kartenspiel fortfährt: «Ich möchte schlafen, aber du musst tanzen», «wenn ich erwache, sind alle Träume um mich versammelt», «der Weltallaal sagt langsam das Aal mal Aal auf».

Kartenspiel und Baumwollsalat

«Zitate und Zeitungsausschnitte sind die einzigen Dinge, die ich sammle», erklärt Claudia Vonmoos. Aus diesem Fundus hat sie unter anderem für das Stück «Patience» geschöpft. Über zwei Jahre hinweg hat sie viele Ideen, Szenen und ausgewählte Stücke zum musikalisch-szenischen Abend «Kein Dada pro Gramm» eingedampft, der nun am Wochenende in der Gare du Nord zur Aufführung kommen wird. Zum 100-jährigen Bestehen der Dada-Bewegung werden viele dadaistische Werke gezeigt, allerdings ist es eben auch «kein Dada-Programm», wie Claudia Vonmoos betont, da neben Künstlern wie Hans Arp, Hugo Ball und Kurt Schwitters auch John Cage, Franz Liszt und Johann Wolfgang von Goethe zum Besten gegeben werden.

Aus vielen kleinen Kostbarkeiten wird eine gewaltige Collage gewoben, in der jedes einzelne Stück einen neuen Ton anschlägt. Herrscht in der einen Szene eine statische, aufgekratzte Stimmung, so wird sie im nächsten Moment von einem absurden Satz, einer wilden Fantasterei oder einem komischen Spiel abgelöst. Sobald man sich als Zuschauer auf etwas eingelassen hat, wird man schon wieder angehoben und zu etwas ganz anderem getragen.

Ein derart bunt gemischter Abend läuft Gefahr, in seine Einzelteile zu zerfallen, zur blossen Aneinanderreihung einzelner Häppchen zu werden. Doch das geschieht hier nicht. Denn viele Aktionen, die zufallsgesteuert und beliebig wirken, eben typisch «Dada», sind durchdacht und einstudiert.

«Das Programm beschreibt die Form eines grossen Bogens, der mit ‹Scherben› beginnt, über ‹Pittoresken› in ‹Nichts› gipfelt und über ‹Is it?› mit der ‹HugoBALLade› endet», erklärt Claudia Vonmoos. Durch ein ausgereiftes Konzept erlange man die grösste Freiheit, fügt sie hinzu. Improvisieren müsse man ja letztendlich zu einem gewissen Mass bei jeder Aufführung.

Bis es für «Kein Dada pro Gramm» so weit ist, wird noch eifrig geprobt: Lynn Felber studiert den «Tagesablauf eines Musikers» von Erik Satie ein, einen Monolog, der die Eigenarten des lyrischen Künstler-Ichs in der Manier eines absurden Zeitplans aufzeigt. «Genau um 22.37 gehe ich zu Bett. Einmal wöchentlich wache ich, aus dem Bett springend, um 3.19 auf (Dienstag). Ich nehme nur weisse Nahrung zu mir: Eier, Zucker, Knochenmehl, Fett von toten Tieren, mit Kampfer angemachte Blutwurst, Baumwollsalat und gewisse Fische (ohne Haut).»

Während sie spricht, verwandelt sie sich durch wenige Requisiten in eine elegante Dame – und übergibt schliesslich an den 15-jährigen Nicolò Muzii, der schon am Flügel bereit sitzt. Er und der gleichaltrige Gabriel Gysin spielen Erwin Schulhoffs «Fünf Pittoresken für Klavier». Lebendige, frohe und unstete Melodien tanzen durch den Raum, die Finger flitzen über die Tasten. Doch beim dritten Stück, «In futurum», wird es plötzlich ruhig. Ein Blick auf das Notenblatt verrät, warum: das Stück besteht aus lauter Pausen. Nichtsdestotrotz macht sich der Pianist bereit – da geht mit einem Mal das Licht aus ...

Kein Dada pro Gramm, Samstag, den 23.1., um 20 Uhr und Sonntag, den 24.1., um 17 Uhr in der Gare du Nord.

*Die Autorin wirkt als Chorsängerin bei «Kein Dada pro Gramm» mit.