Die Begrüssung im Cartoonmuseum ist eindeutig: Riesengross prangt das gezeichnete Gesicht von Ulli Lust auf der Glasscheibe beim Eingang zur Ausstellung, Haare wild, Blick abenteuerlustig. Hinter dieser Glasfront, so viel ist jetzt schon klar, verbirgt sich eine Künstlerin, die sich lieber gnadenlos hineinstürzt, als vorsichtig herantastet. Die Büchse lieber aufmacht, statt ihr ein hübsches Etikett zu verpassen. Hinter dieser Glasfront steckt Ulli Lust und sie heisst nicht ohne Grund so.

«Sogar meine Schmierzettel sind hier!» Lust beugt sich über die Glasvitrine im Erdgeschoss und lacht laut. Das Wienerische ist nur noch sachte vorhanden, Lust lebt seit den Neunzigern in Berlin. Dort begann die Künstlerin – damals Anfang Zwanzig – auch mit dem Zeichnen. Vorher gabs nur «Schmierzettel»: Ungeduldige Kugelschreiberzeichnungen, auf denen Männer mit Irokesenfrisur und Bierflaschen zu sehen sind. Ulli Lusts Umfeld, als sie 16 ist, noch Ulli Schneider heisst und sich in der Punkszene zuhause fühlt.

International ausgezeichnet

Von dieser Zeit handelt auch ihr erster autobiografischer Comicroman «Heute ist der letzte Tag vom Rest deines Lebens». Darin erzählt Lust, wie sie mit 17 von zuhause ausreisst und mit einer Freundin nach Italien trampt, wo die Mädchen erste Erfahrungen mit Drogen und Gewalt machen. Lust beschönigt nichts und zeichnet mit energischem Strich das Abenteuer ihrer Jugend nach. Fünf Jahre braucht sie für den Roman, er erscheint 2008 und gewinnt Dutzende von internationalen Preisen, unter anderem auch den amerikanischen Ignatz Award und den LA Times Book Prize – gewissermassen die Oscars der Comic-Branche. Und das als bisher einzige deutschsprachige Zeichnerin.

Seite aus "Der letzte Tag vom Rest deines Lebens".

Ulli Lust

Seite aus "Der letzte Tag vom Rest deines Lebens".

Ab da ist Ulli Lust (sie nennt sich mittlerweile beim Mädchennamen ihrer Mutter) angekommen – nicht nur karrieremässig, sondern auch künstlerisch. Die Zeit der Schmierzettel ist vorbei, Lust hat mittlerweile Grafikdesign studiert, den Onlineverlag Electrocomics gegründet und zusammen mit dem Comiczeichner Kai Pfeiffer die Comicreportagengruppe Monogatari ins Leben gerufen.

Wo Worte nicht hinkommen

Hier liegt Lusts zweites Steckenpferd: Reportagen. «Ich interessiere mich für den normalen Menschen», sagt sie, mittlerweile im zweiten Stock der Ausstellung angekommen. Neben einer Bildreportage aus Holland hängen hier Nahaufnahmen von Menschen, die Lust bei sich in der Nachbarschaft im Prenzlauerberg beobachtet hat. Die Gesichter bewegen sich abseits vom Mainstream, von gängigen Schönheitsidealen: Grosse Nasen, fliehende Kinne, abenteuerliche Zahnstellungen. «Viele meinen, das seien Karikaturen. Dabei sehen Menschen genau so aus!»
Die Künstlerin hat keine Lust, wirklichkeitsferne Ideale wiederzugeben, sie bevorzugt eine Art des Zeichnens, die gleichzeitig schonungslos und liebevoll ist, die sich nah am Mensch bewegt.

Das mag abgedroschen klingen, aber wer sich Ulli Lusts Zeichnungen ansieht, weiss, was gemeint ist: In ihren fast brutalen Strichen steckt eine Energie, die nicht nur Abbild ist. Ulli Lust zeichnet keine Figuren, sondern Seelen.

Seite aus "Flughunde".

Ulli Lust

Seite aus "Flughunde".

Am eindrucksvollsten ist dies in «Flughunde» zu sehen, einer Adaption des gleichnamigen NS-Romans von Marcel Beyer. Lust hat die Geschichte um einen Tontechniker und Joseph Goebbels älteste Tochter in dunkle Bilder übersetzt, die den Nationalsozialismus und dessen Strategien systematischer Massenpsychologisierung beschreiben – eindringlicher als es Buchstaben je könnten.

Sex, so viel Sex

Ähnlich kraftvoll verhält sich ihr zweiter autobiografischer Roman, den Lust letztes Jahr herausgegeben hat: «Wie ich versuchte, ein guter Mensch zu sein» handelt von ihrem Leben als Mittzwanzigerin. Ulli hat früh ein Kind bekommen, das bei ihren Eltern auf dem Land aufwächst. Sie ist hin- und hergerissen zwischen ihrem Leben als Wochenendmama und dem einer angehenden Kunststudentin und Liebespartnerin zweier unterschiedlicher Männer, wovon der eine sie sexuell nicht befriedigt und der andere gewalttätig ist. Eine unangenehme Ausgangslage, vor der Lust nicht zurückscheut - genau so wenig wie von der expliziten Darstellung ihrer Sexualität.

Seite aus "Wie ich versuchte, ein guter Mensch zu sein".

Ulli Lust

Seite aus "Wie ich versuchte, ein guter Mensch zu sein".

Das machte Furore, obwohl es Lust keineswegs um ihre Sexgeschichten ging. Das Thema des Buches ist ihr Leben «und ich habe nun mal Sex.»

«Zu viel ist nicht genug» hat Leiterin Anette Gehrig diese Schau genannt. Nicht nur mit dem Titel hat sie die Künstlerin perfekt getroffen: Die Ausstellung lässt nichts aus, sie zeigt Ulli Lust genau so, wie sie auch in ihren Arbeiten – explizit oder nicht – zum Vorschein kommt. Als eine leidenschaftliche Künstlerin, die sich weder um Konventionen schert noch mit einem biederen Nachnamen abgibt. Nein, Lust gehört zur Ulli wie das schiefe Gesicht zum Normalo und der Sex zum Leben. Die Ausstellung im Cartoonmuseum ist der beste Beweis dafür.

Ulli Lust. Zu viel ist nicht genug, Cartoonmuseum Basel, bis 28. Oktober.