Kunst im Kleinbasel

Eine Forschungsreise in Kleinbasels Quartierläden

Im Kunstraum DOCK machen die Künstlerin Füsun Ipek und der Künstler Michel Winterberg die kulturelle Vielfalt im Kleinbasel zum Thema.

«Die Angst der Klassikfans vor Kleinbasel» titelte unsere Zeitung vor ein paar Tagen. Der Stadtteil eignet sich immer wieder für eine Schlagzeile. Klischees haben die Eigenschaft, dass sie sich in den Köpfen festsetzen und selten überprüft werden. Wenn das Kleinbasel ein «gefährlicher Stadtteil» ist, was ist dann der Zürcher Kreis 4? Ein Sperrgebiet?

Ein Quartier lebt letztendlich von der Summe aller Beteiligten, heisst Einwohner, Geschäftsleute, Besucher, Hausbesitzer. Beim Schlendern durchs Matthäusquartier im Kleinbasel begegnet der Flaneur der Bar der FC-Milan-Fans, dem thailändischen, kurdischen, indischen anatolischen, spanischen oder dem Schweizer Restaurant. Coiffeursalons für jedes Portemonnaie und jede Einwanderergruppe säumen die ruhigen Strassen. Brockenhaus folgt auf Schneiderei, auf den türkischen Buchladen der angesagte Plattenladen mit Vinyl. Auf das Hipster-Café der Erotikshop, auf das Fotogeschäft einer der zahlreichen asiatischen Minisupermarkets.

An der Klybeckstrasse, zwischen der Bar Alpenblick und der Apotheke liegt ein Geschäft, dessen Bogenfenster derzeit mit weisser Farbe gestrichen sind – bis auf ein paar Öffnungen. In diesen sehen wir Eigenartiges: Eine Perücke, die an einem Faden tanzt, Denner-Taschen mit Schweizerkreuz schweben vorbei, dort ein Paar weisse Socken, hier ein schriller Plastikblumenstrauss. Wir stehen vor dem Kunstraum DOCK (siehe Kasten).

Quartierläden im Fokus

«Unser Standort hier an der Klybeckstrasse hat DOCK sehr geprägt», erklärt Ruth Buck. Die Künstlerin leitet den Archiv-, Diskurs- und Kunstraum. 2009 hat sie den Standort im Matthäusquartier eröffnet. «Mit Blick auf die zunehmend sichtbaren Veränderungen im Kleinbasel haben die Künstlerin Füsun Ipek und der Künstler Michel Winterberg das Projekt ’Transformat Kleinbasel’ entworfen. Sie haben die Idee der Zusammenarbeit mit den Ladenbesitzern entwickelt», erklärt Buck.

Für die Arbeit beigezogen wurden auch der Stadtforscher Ben Pohl und Theres Wernli vom Stadtteilsekretariat Kleinbasel. Die Idee von «Transformat Kleinbasel»: Die Ladenbesitzer im Quartier werden von den Künstlern besucht, über ihr Leben im Quartier befragt und aufgefordert, einen Gegenstand aus ihrem Geschäft für eine Ausstellung zur Verfügung zu stellen.

Weltreise im Taschenformat

«Wir kamen uns bei unserer Forschungsreise durchs Kleinbasel manchmal schon vor wie Ausserirdische», sagt Michel Winterberg. Es sei eine eigentliche Weltreise im Taschenformat gewesen, bei der es galt Sprachbarrieren zu überwinden und Hemmschwellen gegenüber der Kunst abzubauen. Doch die Reise war ein Erfolg: 32 Ladenbesitzerinnen und -besitzer haben am Projekt teilgenommen.

Und was sagen die Geschäftsleute zu ihrem Quartier, ist es so gefährlich, wie einige auf der anderen Rheinseite meinen? «Das ist doch vor allem eine Mediengeschichte», sagt Winterberg. Natürlich gäbe es alle paar Jahre mal eine Schiesserei. Und die afrikanischen Cola-Dealer hätten ihn, den Weitgereisten, zu Beginn auch irritiert, meint der 45-jährige Basler, der seit 20 Jahren im «Matthäus» wohnt. Die Ladenbesitzer jedenfalls würden sich sicher fühlen. «Sie sind stolz auf ihr Quartier, auf die kulturelle und nationale Vielfalt.» Wenn es Klagen gibt, so Winterberg, dann eben weil das Quartier zu Unrecht einen schlechten Ruf geniesse und Kunden deshalb wegblieben. Dass die Tramlinie 8 seit ein paar Jahren bis Deutschland fahre, mache den Ladenbesitzern aber noch viel mehr Sorgen. Vor allem für die vielen kleinen Lebensmittelgeschäfte sei der Einkauf über der Grenze harte Konkurrenz.


Füsun Ipek und Michel Winterberg haben mit den 32 Leihgaben der Ladenbesitzer ein Panoptikum entlang der drei grossen Schaufenster im DOCK erstellt. Eine witzig verspielte, skurrile Installation, welche die Lebendigkeit und die Vielfalt des Quartiers spiegelt. Einige der Gegenstände werden von Motörchen bewegt. Auf einem Bildschirm sind Kommentare der Leihgeber zum Quartier zu lesen. Zwei weitere Screens zeigen die besuchten Geschäfte. Im Ladeninnern präsentieren die Künstler zudem die Zertifikate, welche sie den Beteiligten ausgestellt haben – mit Fotos, auf denen die Ladenbesitzer mit dem ausgeliehenen Gegenstand zu sehen sind.

«Hinter jedem Bild verbirgt sich eine Geschichte», sagt Ruth Buck. Beispielsweise jene der türkischstämmigen Besitzerin des Erasmus-Lädeli. Sie hat den Künstlern ihr Heiligtum hinterlassen: den FCB-Schal. Auch geschäftlich hat sich die Besitzerin angepasst: Sie hat sich auf schweizerische Lebensmittel spezialisiert.
Oder die Herkunft dieses in Plastik eingeschweissten, kitschigen Bildes mit leicht bekleideten Frauen am Ufer eines Baches. Es stammt aus einem türkischen Café, zu dem jedoch nur Männer Zutritt haben.

Buck ist zufrieden mit dem Resultat der Feldforschung im Kleinbasel. Das Feedback der Nachbarschaft sei toll. Und das Format animiere die Menschen dazu, weitere Geschichten aus dem Quartier zu erzählen. Wie gerufen kommt da der Apotheker von nebenan vorbei und reckt den Daumen: «Ein Super-Projekt habt ihr da gemacht!»

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