Literatur

Eine Auszeichnung für sein Schreiben um den Preis des Lebens

Paul Nizon erhält von Bundesrat Alain Berset den Preis für sein Lebenswerk.

Paul Nizon erhält von Bundesrat Alain Berset den Preis für sein Lebenswerk.

Der Bund vergibt erstmals seine Grand Prix Literatur – Paul Nizon ist einer der Preisträger. Der seit 1977 in Paris wohnhafte Schriftsteller wird für sein Lebenswerk ausgezeichnet.

Paul Nizon erhält den Grand Prix Literatur des Bundesamtes für Kultur (BAK) für sein Lebenswerk. Der Preis dürfte in diesem Fall wie noch selten auf den Preisträger zugeschnitten sein, dessen Leben, seit ich ihn kenne, so eng mit seinem Werk verbunden ist, als wären es zwei Seiten einer Medaille.

1982 traf ich Paul Nizon zum ersten Mal in Paris im Café Weppler an der Place Clichy. Pablo, wie ihn seine Freunde nennen, trug einen Hut und dazu einen wuchtigen Regenmantel, er war ganz das, was man eine imposante Schriftstellererscheinung nennen könnte. Sein Lächeln ironisch und prüfend, das Gespräch intensiv, als gälte es, keinen Augenblick auszulassen. Ich hatte meinen in Paris spielenden Erstling «Die verborgenen Gärten» im Koffer, in Nizons Tasche steckte der Roman «Ein Jahr der Liebe», ein Buch, in dem er sein Hurenleben in Paris mit unerhörter Sprachzärtlichkeit beschrieb, ohne dabei seine abgrundtiefe Einsamkeit zu verschweigen.

Wer das Buch las, musste sich an seinen Erstling «Canto» erinnert fühlen, an seine leidenschaftliche Schriftstellerwerdung in Rom und an den Umstand, dass für ihn das Schreiben nur möglich war, wenn er dafür das Leben in die Waagschale warf. In dieser Dringlichkeit, dass das Leben nur mit dem Schreiben zu gewinnen ist – und das Schreiben mit dem Leben, haben wir uns über dreissig Jahre lang getroffen.

Mit den büchern «Im Hause enden die Geschichten» und «Stolz» hatte Paul Nizon seine Entfremdung gegenüber der Schweiz rapportiert, hatte mit der schönen Novelle «Untertauchen» sein Verhältnis zu den Frauen als Fluchthelferinnen aus dem bürgerlichen Dasein und als Lebens- und Inspirationsagentinnen angekündigt und beschrieb nun im «Jahr der Liebe» seine Selbstbegründung aus dem Bauch des grossen Wals Paris.

Auf Anhieb fühlte ich mich von seinen Parisschilderungen angesprochen, auch mir war die Stadt in ihrer Menschendurchmischung, der Erotik der Blicke und den dunklen Kellern, aus welchen melancholischer Jazz ertönte, eine Rettung aus der Enge gewesen. Sein «Diskurs in der Enge» (1970) hatte seit seinem Erscheinen ein untergründiges Beben in all jenen ausgelöst, die ein Unbehagen und eine Bedrücktheit im Kleinstaat empfanden. Noch heute finden sich darin Einsichten in die tieferen Gründe, die zur Annahme der Masseneinwanderungsinitiative geführt haben.

Für Nizon war Paris zeit seines Lebens ein geistig-sinnlicher Vorratsraum, den er Tag für Tag auf langen Gängen von der Wohnung bis zum Schreibatelier durchquerte. Der weite Atem der Stadt wirkte mit an der Verschriftlichung seines Lebens. So blieb das nomadische Ich in steter Bewegung: einer der Gründe, warum er nie fertige Geschichten erzählte, sondern einen Sprachraum entwarf, in dem die Geschichten erst möglich werden. Alle Ichfiguren, in «Das Jahr der Liebe» wie auch der Marschierer in «Der Bauch des Wals» sind gleichsam Spielfiguren der eigenen Existenz. Projektionen, könnte man auch sagen, Abspaltungen eines Ichs, das nicht vor der Fremdheit in sich zurückschreckt.

Einen vorbeistolzierenden Autobiografie-Fiktionär hat er sich einmal genannt – auch wenn wir uns sein Gehen etwas weniger gestelzt vorstellen wollen. Nizon ist kein «Buchproduzent», kein Literaturbeamter, sondern einer, den man mit leiser, aber nachdrücklicher Emphase einen «Schriftsteller» nennen muss. Sein Werk widerspiegelt sein Universum, der Autor lebt in der République Nizon. Längst ist darin sein Ich Teil einer Fiktion, die er aus der unentwegten Verwandlung von Lebensstoff in Schreibstoff erwirkt.

In seinen fünf Tagebüchern erlebt man seinen Blick auf die Stadt und ihre Bewohner. Darin finden sich auch Befindlichkeitsprotokolle, Selbstreflexionen, Selbstverortungen und Preziosen. Nicht nur seine Familie und alte Freunde kommen zur Sprache; es gibt ebenso brillante Portraits von Canetti, Max Frisch in deren gemeinsamer Rom-Zeit, und zuletzt auch von seinem Verleger Siegfried Unseld. Als besonders geeigneten Einstieg in das Nizonsche Universum eignet sich die soeben erschienene Kurzfassung der Journale mit dem Titel «Die Belagerung der Welt».

Nun ist er bald 85. An seiner neuen Adresse im Montparnasse öffnet er mir die Türe wie immer im adretten Anzug, der Weisswein steht gekühlt auf dem Tischchen. Er mustert mich mit einem prüfenden Blick und beginnt zu erzählen. Innert Minuten tauchen wir ein in sein Universum voller Bücher, lebender und toter Autoren, grosser Leidenschaften und Verluste. Es ist ein zeitloses Universum, erinnerte Gegenwart, in welchem das Alter keine Rolle mehr spielt.

Paul Nizon Die Belagerung der Welt. Romanjahre. Hrsg. von Martin Simons. Suhrkamp 2013. 350 S., Fr. 29.90.

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