Moment mal, ein Baustellenbild im Kulturteil? Sie reiben sich womöglich die Augen. Dann ist die Überraschung gelungen. Der Grund findet sich in einer Kunst, die unseren Alltag prägt, aber selten im musealen Rahmen diskutiert wird: Architektur.

«Transform» heisst die neue Schau im Schweizerischen Architekturmuseum. Dessen Existenz wurde vor einem Jahr auf den Prüfstand gestellt, als das Bundesamt für Kultur entschied, ab 2019 seine jährlichen Subventionen ersatzlos zu streichen. Das Museum befindet sich in einem Transformationsprozess, dank privater Spenden ist die Existenz vorerst gesichert. Es hat eine zweite Chance erhalten.

Um zweite Chancen dreht sich auch «Transform», beschäftigt sich die Ausstellung doch mit Fragen, die noch nicht so breit diskutiert werden in unserer Gesellschaft wie zum Beispiel unser Umgang mit Plastik: Wie verhalten wir uns im grossformatigen Bereich von Verpackungen, nämlich mit alten Gebäudehüllen? Welche Alternativen gibt es zum Abriss eines Gebäudes, zur Entsorgung von Baumaterialien? Museumsdirektor Andreas Ruby und Assistenzkurator Fabian Ruppanner sind diesen Fragen nachgegangen und liefern in den Museumsräumen beispielhafte Lösungsansätze von drei Architekturbüros.

Wie man einen Neubau mit möglichst günstigen Materialien umgehen kann, hat etwa das Architekturbüro AGPS erforscht. Marc Angélil und Sarah Graham bauten auf einer kalifornischen Farm für sich ein Wohnhaus, daneben stand ein alter Pferdestall, den sie nicht abreissen, sondern umnutzen wollten. Während sie aufgrund von Bauvorschriften beim Wohnungsbau auf Kosten in Höhe von 99 Dollar pro Quadratfuss (0,092 Quadratmeter) kamen, setzten sie es sich zum Ziel, beim Umbau des alten Stalls einen Bruchteil aufzuwerfen: 99 Cent pro Quadratfuss. Möglichst günstig, möglichst leicht auch sollten die Materialien sein. Fündig wurden sie dabei etwa in Produktkatalogen für die Agrarwirtschaft. So haben sie für die Isolation beispielsweise Folien für Gewächshäuser zweckentfremdet und als Vorhänge eingesetzt. Reduce to the Max.

Transformation mit Wintergarten

Ein Forschungsprojekt im grösseren Rahmen befindet sich in der französischen Stadt Bordeaux. Dort stand ein grosses Häuser-Ensemble aus den 1960er-Jahren unter «Abrissdruck». 530 Sozialbauwohnungen sollten Neubauten weichen. Dass das nicht nötig war, skizzierten mehrere französische Architekten und präsentierten eine Lösung, die zwischen 2011 und 2016 umgesetzt wurde: Sie sanierten, ohne dass die Bewohner ausziehen und eine Mietzins-Erhöhung befürchten mussten, ja, die Wohnungen wurden dabei zeitgemäss erweitert.

Wie sich das anfühlt, lässt sich im Museum in einer anschaulichen Nachbildung erfahren: Der Lebensraum wurde verdoppelt, indem vor die ursprünglichen Fassaden Wintergärten gebaut wurden. Schiebegläser sorgen nun für mehr Lichteinfall, Thermovorhänge dienen der zusätzlichen Isolation. Durch diese Massnahmen wurden die, für die heutige Zeit als klein empfundenen Wohnungen nicht nur grösser und heller, sondern auch besser gedämmt: Die Wintergärten dienen als Puffer und erzielen die gleiche Wirkung wie eine moderne Fassade. Und all das, ohne dass die Abrissbirne zuschlagen musste.

«Immer gleich neu zu bauen, finde ich problematisch, denn es produziert unheimlich viel Müll», sagt Museumsdirektor Andreas Ruby dazu. «Wir denken immer nur an die Verbrauchs- und Unterhaltungsenergie, nicht aber an die graue Energie, welche Abriss und Herstellung eines Gebäudes verursachen.»

Recycling von Baumaterialien

Die Ökobilanz von Bauteilen liegt auch «in situ» am Herzen, jenem Baubüro, das Barbara Buser und Eric Honegger vor 20 Jahren in Basel gegründet haben und das in unserer Region durch Umnutzungen omnipräsent ist, vom Gundeldingerfeld über das Walzwerk in Münchenstein bis zum Hanro-Areal in Liestal. In Winterthur ist «in situ» damit beschäftigt, die Industriehalle 118 zu sanieren und aufzustocken, mit dem Ziel, möglichst viele hochwertige Materialien aus Rückbauten und ergänzend dazu «materiali poveri» wie Stroh und Lehm zu verwenden. Die Aussentreppe etwa stammt aus einem 28 Jahre alten Bürogebäude in Zürich, ebenso einige Isolierfenster.

Die Tragstruktur aus Stahl wurde von der Coop-Verteilzentrale im Lysbüchel nach Winterthur transferiert. Ja, selbst Haustechnikelemente und Rohre fand das Basler Baubüro auf dem Occasionenmarkt – und das im Umkreis von 100 Kilometern. Um Ressourcen zu schonen, liegt ihm auch die geografische Nähe am Herzen. So vermögen sie bei der Zweitverwertung die Transportkosten niedrig und die Ökobilanz hoch zu halten, wie die Ausstellung aufzeigt.