Viel von dem, was Aglaja Veteranyi zu einer einzigartigen und faszinierenden Schriftstellerin machte, war mit ihrer unglücklichen Existenz verbunden. Das ständige Unterwegssein als Kind einer heimatlosen Artistenfamilie, die Kommunikation als Analphabetin in fremdsprachiger Umgebung, die Angst um die Mutter, die allabendlich an den Haaren hängend durch die Zirkusmanege flog, das Erduldenmüssen von sexueller Gewalt durch den eigenen Vater: All das transformierte die Autorin in ihrem 1999 erschienenen Roman «Warum das Kind in der Polenta kocht» in ein schonungslos authentisches und zugleich vor literarischer Experimentierlust sprühendes solitäres Meisterwerk.

Solitär blieb es insbesondere, weil Veteranyi ihrem Leben drei Jahre später, 40-jährig, im Zürichsee ein Ende setzte. Das Talent und die Kreativität der aus Rumänien stammenden Schriftstellerin wären keineswegs erschöpft gewesen. Zwei Bände mit Texten aus dem umfangreichen Nachlass zeigen nun die ganze Breite von Veteranyis Schreibprojekten und deuten an, was von ihr noch hätte kommen können.

Das Schöne und das Schlimme

Der Band «Wörter statt Möbel» versammelt eine Auswahl von kurzen und kürzesten Geschichten, Gedichten, Sprüchen und Minidramen. In der Lakonie, im paradoxen Aperçu der kurzen Form erkennt man sogleich den Sound, der auch Veteranyis bekannten Texte prägt. «Der finsterste Mann der Welt zog von Ort zu Ort und zeigte sein furchterregendes Gesicht. Er hiess Vater und war bei den Kindern sehr beliebt.» So lautet eine komplette Geschichte. Man kann das nicht anders als vor dem Hintergrund von Veteranyis Familiengeschichte lesen.

Das Schöne und Geliebte auf der einen Seite und das Finstere und Schlimme auf der anderen: Wenn aus dieser Gegenüberstellung eine Vermischung wird, dann ahnt man, dass etwas im Argen liegt. Ebenso zeugt das Gedicht «Das leere Zimmer» von einem verletzten Empfinden: «denk an was Schlimmes / steht an der Wand / nur so kannst du das Schöne / ertragen». Dem Leser, der allzu eilfertig einwenden möchte, als Werke der Fiktion emanzipierten sich die Texte doch von ihren Entstehungsbedingungen, entgegnet Veteranyi mit einem der Sprüche: «Auch die Fantasie ist autobiographisch.»

Der Monolog «Mamaia», der den Band abschliesst, rollt Veteranyis Lebensthemen in doppelter Weise neu auf, nämlich als Bühnentext und aus einer anderen Erzählperspektive. Die Sprecherin ist ihrer Mutter nachempfunden: Eine ehemalige Artistin, die sich über ihre früheren Zirkuskünste, den treulosen Ehemann, über Träume von Erfolg und Reichtum und über die gesättigte und gesicherte Schweiz auslässt, und dies in einem atemlosen Wortschwall. In der stillen Lektüre kommt dieser Text kaum zur Geltung. Sein Gelingen wird von einer Performance abhängen, die an die legendären Lesungen Veteranyis anknüpft.

Eine rotzfreche Andichtung

Erzählstücke und Romanfragemente aus dem Nachlass versammelt der zweite Band, «Café Papa». Ein Vaterroman hätte der titelgebende Text werden sollen. Nicht erstaunlich, dass die Identifikation mit dem übergriffigen Vater weniger weit geht, als der Mutter-Monolog «Mamaia». Ergiebiger und literarisch gewagter ist ein rund 60-seitiges Romanfragment, in dem Veteranyi in surrealistisch-verspielter Weise auf den Spuren des russischen Avantgarde-Autors Daniil Charms wandelt und diesem rotzfrech ein Leben nach dem Tod andichtet. Sie lässt ihn nach Venedig ins Exil fliehen, wo er auf Goethe und Rilke trifft und allerlei grotesken Nonsense von sich gibt. Je länger, je mehr wird klar: Dieser Charms – sowohl der echte, wie derjenige, den sich Veteranyi zurechtbiegt – ist mit der Autorin in engster Weise geistesverwandt. Was sie ihn sagen lässt, könnte sie mit Recht auch von sich sagen: «Ich besitze eine überlogische Bedeutung.»

Aglaja Veteranyi, «Wörter statt Möbel. Fundstücke», «Café Papa. Fragmente», Der gesunde Menschenversand.

Buchvernissage «Wörter statt Möbel»: 5. Nov., 19 Uhr, sogar theater.

Theateraufführung «Mamaia»: 1. Nov., 19 Uhr, sogar theater.