Leukerbad

Ein ungeordneter Rückblick auf ein ungewöhnliches Literaturfestival

Wandernde Annäherung an den Walliser Badeort: Blick vom Gemmipass nach Leukerbad, wo zum 21. Mal das internationale Literaturfestival stattfand.

Wandernde Annäherung an den Walliser Badeort: Blick vom Gemmipass nach Leukerbad, wo zum 21. Mal das internationale Literaturfestival stattfand.

Unser Autor Pedro Lenz näherte sich dieses Jahr wandernd dem Literaturfestival in Leukerbad an und blickt für die «Nordwestschweiz» auf das Wochenende zurück. Er schreibt: «Es tut gut, für einmal fernab von hupenden Fussballfans nur Poesie zu hören.»

In diesem Jahr habe ich mich dem Badeort wandernd angenähert. Vom Sunnbüel oberhalb von Kandersteg wanderte ich am letzten Donnerstag mit einer Schar von Literaturinteressierten über die Gemmi. Mit dabei war die geschätzte Kollegin Anita Siegfrid aus Zürich, die im letzten März im Zürcher Bilgerverlag den historischen Roman «Steigende Pegel» herausgebracht hat.

Bei dieser zum Rahmenprogramm des Festivals zählenden literarischen Wanderung bestritten wir unterwegs abwechselnd kurze Lesungen am Rand des Weges. Diese literarischen Pausen haben einen erfreulichen Nebeneffekt, erlauben sie einem untrainierten Schreibtischarbeiter, die fehlende Kondition zu kaschieren, kann sich doch der Puls während des Lesens einigermassen absenken.

Das Einzigartige am alljährlichen Literaturfestival in Leukerbad ist der Umstand, dass man jeweils innert Sekunden mittendrin ist. In unserem Fall war es so, dass wir als Wandergruppe den Dorfplatz mit dem Festivalbüro erreichten und sogleich umringt waren von Literaturschaffenden und Literaturvermittlern aus fast allen Herren Ländern. Ein «Hello, how are you?» hier, ein «Bonjour Madame» dort und ein «Freut mich, Sie kennen zu lernen» da.

Viele Autorinnen und Autoren sind einander schon bekannt, entweder, weil sie einander schon gelesen haben oder weil sie sich an anderen Literaturfestivals begegnet sind oder beides. Einmalig an Leukerbad ist ausserdem die Möglichkeit, sich jederzeit für eine halbe Stunde ausklinken zu können aus der Welt der Wörter, um schweigend und staunend in einer der zahlreichen Thermen neue Aufmerksamkeit zu tanken. Speziell ist ausserdem, dass sich Publikum und Autoren fast zwangsläufig immer wieder über den Weg laufen.

Schon auf dem Weg zum Raclette-Essen für die Autoren, das traditionellerweise das Literaturfest in Leukerbad eröffnet, begegnete ich einem Autorenkollegen aus Salzburg, dessen Präsenz mich manchmal ein bisschen einschüchtert. Die leichte Beklemmung, die mich im Gespräch mit Karl-Markus Gauss zuweilen befällt, hat allerdings nichts mit seiner Person zu tun. Gauss ist ein überaus freundlicher, humorvoller und liebenswerter Zeitgenosse. Meine Schüchternheit im Gespräch mit ihm gleicht eher der Unsicherheit eines Fans im Moment des Zusammentreffens mit einem Idol.

Der Fan fühlt sich angesichts des Idols immer in einer Art Schülerrolle. Es braucht dann jeweils ein paar Minuten der Selbstreflexion, um sich aus dieser Rolle herauszuschälen. «Ich möchte über dich schreiben, Karl-Markus, erzähl mir von dir, erzähl mir von deiner Vorgehensweise beim Schreiben!», sage ich zu ihm auf der Seilbahnfahrt zum Restaurant. «Sei nicht so direkt. Lass uns lieber die Aussicht geniessen!», antwortet Gauss und lacht.

Kleine Beobachtungen

Gauss, der letztes Jahr den Band «Der Alltag der Welt» publiziert hat, von dem es heisst, er sei eine «Gegenschrift zum Zeitgeist», gehört zu den seltener werdenden Schriftstellern, die uns erzählend zum Nachdenken anregen. Er scheint sich nicht darum zu kümmern, welche seiner Gedanken mehr und welche weniger Gewicht haben. Man hat bei der Lektüre seiner Texte bisweilen den Eindruck, da plaudere einer einfach aus seinem Leben. Doch sehr bald stellt man fest, dass sein Leben oft auch unser Leben ist, und dass seine kleinen Beobachtungen in einem grösseren Zusammenhang stehen.

Stilsicher und elegant verknüpft er kleine Alltäglichkeiten wie den selbstverständlichen Gebrauch der Kreditkarte mit zeitgeschichtlichen Gedanken darüber, was es bedeutet, alles immer sofort haben zu können. Dabei steht bei Gauss kein verbitterter Kulturpessimismus im Vordergrund, sondern eine feine Art, Veränderungen in der Kommunikation oder im Alltagsverhalten festzustellen. Das kann beispielsweise zur Frage führen, ob und in welcher Weise die veränderte Kommunikation unsere Persönlichkeit verändert.

Eigentlich hatte ich mir fest vorgenommen, in den Tagen am Festival hinter die Persönlichkeit dieses subtilen Aufklärers zu kommen. Doch zum einen hatten wir beide unsere zeitraubenden Verpflichtungen und zum anderen gehört Gauss zu jener Sorte von Schriftstellern, die in der freien Zeit lieber über anderes als über sich selber reden. Wahrscheinlich ist das auch gut so, denn seine Texte sind so klar und geistreich, dass es keinen Umweg über den Autor braucht, um sie zu verstehen.

An meinen eigenen Lesungen hatte ich heuer in Leukerbad das Privileg, von zwei beeindruckenden Musikerinnen begleitet zu werden. Evelyn und Kristina Brunner veredelten meine Texte mit ihren Kompositionen für Cello, Kontrabass und Schwyzerörgeli. Ihre eindringliche Musik liess manche Festivalbesucher vergessen, dass sie gar kein Schweizerdeutsch verstehen. Der russische Schriftsteller Wiktor Jerofejew versicherte mir auf Französisch, er habe nicht einmal bemerkt, in welcher Sprache ich gelesen hätte.

Endlich keine hupenden Fans

Am Samstagabend läuft in vielen Fernsehgeräten das Spiel zwischen Italien und Deutschland. Gleichwohl lausche ich in der Alpentherme den Lesungen der deutschen Lyrikerin Anja Utler und ihrer Schweizer Kolleginnen Dragica Rajcic und Zsusanna Gahse. Besonders die Gedichte aus dem Zyklus «Donauwürfel» von Gahse klingen noch lange nach. Es tut gut, für einmal fernab von hupenden Fussballfans nur Poesie zu hören, denke ich erstmals, seit die Europameisterschaft begann.

Vor dem Frühstück am Sonntag begegne ich noch einmal Karl-Markus Gauss, der bereits auf dem Weg zum Busbahnhof ist. «Hast du alles dabei?», frage ich ihn, weil ich weiss, dass er am Vorabend seine Tasche vermisste. Die Tasche sei gefunden worden, aber der Finder schlafe noch und er wolle ihn nicht wecken, erklärt der Österreicher. «Ich hoffe, er nehme den Fund der Tasche zum Anlass, einmal nach Salzburg zu reisen», fügt er an, und man ahnt, dass ihm die Tasche zwar wichtig, aber jemanden ausschlafen zu lassen noch wichtiger ist. Würde er seinen nächsten Essayband über die Bedeutung des Schlafs schreiben, dürften wir uns jedenfalls nicht wundern.

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