Mohammad al-Attar, die Medien berichten täglich über Syrien. Was können Sie dem als Autor und Dramatiker hinzufügen, was können Sie besser?

Mohammad al-Attar : Die Medien sind von bestimmten Aspekten besessen, vor allem von der geopolitischen Analyse – und diese ist meiner Meinung nach meistens nicht einmal besonders treffend. Darüber hinaus drehen sich die Nachrichten darum, wer wen bekämpft. Aber nur selten erfahren wir mehr darüber, was mit den normalen Menschen passiert, wie sie den Alltag meistern, welche Veränderungen sie durchmachen. Deshalb würde ich sagen, dass das Theater – und das ist eines meiner Ziele – über den üblichen Kriegsdiskurs hinaus die anderen Schichten dieser komplizierten Situation zeigen kann. Es ist alles reicher, als es oberflächlich erscheinen mag. Um den syrischen Kontext besser zu verstehen, sollte man die einzelnen Leben unter der medial bearbeiteten Oberfläche sehen.

Meinen Sie das, wenn Sie in Ihrem Blog schreiben, dass es tiefere Wahrheiten gebe als die Eckpunkte IS, Assad und die Flüchtlinge?

Ich lebe nun seit einem Jahr in Europa. Und über diese drei Sachen wird hier vor allem gesprochen, am meisten über den Islamischen Saat (IS), der zu einem richtiggehenden Phantasma geworden ist – alles wird mit dem IS in Verbindung gebracht. Ich will nichts kleinreden: Der IS ist hässlich und gefährlich genug. Aber diese Obsession lenkt auch vom Kern des Problems ab, und der ist das totalitäre Regime, das dieses Land seit einem halben Jahrhundert regiert. Das ist die Quelle aller weiteren Probleme. Neben dem IS ist hauptsächlich die Rede von einer «Flüchtlingskrise». Mit diesem Ausdruck habe ich Mühe: Die Flüchtlinge sind eine Folge der Krise, nicht die Krise selber. Wir dürfen das Problem nicht von seiner Quelle abgelöst als isoliertes Phänomen betrachten. Als ob es da nicht einen konstanten Grund dafür gäbe, als ob das Feuer nicht weiterbrannte!

In diesem Chaos aus Krieg und Spezialinteressen, wie finden Sie da die Wahrheit? Wie recherchieren Sie?

Ich weiss nicht, ob es je schwarz und weiss gibt. Das Wort Wahrheit ist sehr stark, es macht mir ein wenig Angst. Ich behaupte nie, die alleinige Wahrheit oder die Realität abzubilden. Es geht mir mehr um einen Versuch, das Publikum oder die Leser dazu zu provozieren, die Dinge aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Ich möchte, dass sie sich andere Fragen stellen. Die Komplexität der Situation in Syrien hat weiter zugenommen. Wir haben jetzt einen Stellvertreterkrieg, nicht einen Bürgerkrieg. Die Kämpfenden mögen mehrheitlich lokal sein, aber es ist jetzt klar, dass die treibenden Kräfte dahinter nicht lokal sind. Und das sage ich nun objektiv: Es gibt keine Möglichkeit zu einer anderen Phase zu gelangen, einen sicherlich langwierigen Wiederaufbauprozess zu beginnen, ohne das Kapitel der Diktatur, des totalitären Regimes der Assad-Familie, abzuschliessen.

Sehen Sie einen Lösungsansatz?

Es gibt immer Wege. Der seriöse wäre mithilfe der internationalen Mächte; mit den USA und Russland sowie mit den grossen regionalen Kräften. Aber ich glaube, dass nicht die Macht, sondern der Wille, diesen Krieg zu beenden, fehlt. Denn mindestens ein Teil der erwähnten Kräfte profitiert vom blutigen Teufelskreis, der Krieg dient ihren politischen und ökonomischen Interessen.

Die meisten Künstler, auch Sie, pflegen zu sagen, dass Künstler da sind, um Fragen zu stellen, nicht um Antworten zu geben. Aber Sie haben ja Ideen. Vielleicht ist es an der Zeit, die übliche Rhetorik umzudrehen und auch als Künstler Lösungsansätze zu präsentieren?

Die richtigen Fragen zu stellen, ist an sich der Beginn einer Lösung, ein wichtiger Teil davon. Doch ich glaube, der Einfluss unserer Mittel ist limitiert. Wir können, ja wir sollen, grosse Träume haben, aber wir müssen auch realistisch bleiben in Bezug auf die Wirkung unserer Arbeit. Die Mehrheit der Menschen, die die Revolution in Syrien getragen haben, glauben an die Werte Freiheit, Würde und soziale Gerechtigkeit. Eine Lösung sollte diese Werte mittragen. Wir sind jedoch umgeben von Ländern, wo eine aufgezwungene Konfliktlösung diese Rechte und Werte nicht mit sich gebracht hat.

Was kann Theater bewirken? Wenigstens eine Utopie aufzeigen?

Ich glaube, Theater kann auf kleinem, sehr persönlichem Level durchaus Veränderungen bewirken. Das beginnt bei einem selber und den Menschen, mit denen man zusammenarbeitet. Wir haben zum Beispiel mit Flüchtlingen «Antigone» erarbeitet. Die Veränderungen bei den Einzelnen, die man mit so einem Projekt erreichen kann, sind beträchtlich, sind wichtig. Und die Menschen können ihre Erfahrungen wiederum anderen weitergeben.

Es passiert ständig so viel, es gäbe so viele Geschichten: Wie wählen Sie aus allem Ihre Themen fürs Theater aus?

Die Situation um mich herum drängt mir gewisse Themen auf, jede Phase immer wieder neue. Das ist gut. Ich bin ein Teil dieser grossen Tragödie, die sich hier abspielt. Ich bin kein distanzierter Beobachter, sondern sehr direkt betroffen: Ich war in Syrien, ich musste flüchten; ich habe immer noch Familie dort, enge Freunde sind gestorben, wurden gefoltert oder sind im Gefängnis. Wie alle Syrer: Diese Sachen geschehen uns. Und für das jeweilige Thema suchen wir, Regisseur Omar Abusaada und ich, dann jeweils die passende Form. Diese ändert sich, denn die Geschehnisse verändern uns. Ich bin jetzt ein anderer Mensch als vorher.

Welches Thema drängt sich Ihnen als Nächstes auf?

Wir haben mit weiblichen Flüchtlingen bereits zwei griechische Tragödien aufgeführt: «Die Troerinnen» und «Antigone». Wir möchten gern eine Trilogie daraus machen, mit «Iphigenie». Die Troerinnen erarbeiteten wir in Jordanien, «Antigone» in Beirut und, der Flüchtlingsroute folgend, wäre nun Griechenland an der Reihe. Die Menschen erreichen irgendwann endlich die Pforten ihres imaginierten Himmels, Europa – und bleiben in Griechenland stecken.

Autoren und Regisseure aus nahen Ländern wie Iran und Irak thematisieren ähnliche Probleme. Wäre nicht eine Kooperation über die Grenzen hinweg mal interessant?

Ja, sie müsste einfach einen Mehrwert bringen. Wenn eine Zusammenarbeit etwas kann, was wir individuell nicht schaffen, ist sie eine gute Idee. Es ist wahr, dass es Gemeinsamkeiten gibt, aber es gibt auch Spezialitäten in jedem Kontext.