Es türmen sich wuchtige Granitblöcke rechts und links der Strasse, und es türmen sich in diesem frostigen Frühling hier oben auf fast 2300 Metern Höhe noch die Schneemassen. Am letzten Sonntag ist auf dem Julierpass der erste Spatenstich erfolgt für einen weiteren Turm in dieser Landschaft, in der ohnehin alles nach oben strebt. Michael Pfäffli, der Bündner Standespräsident, eröffnete zusammen mit politischen Vertretern von beiden Seiten des Passes die wohl ungewöhnlichste Baustelle Graubündens.

Hier entsteht in den nächsten Wochen die neue Spielstätte des Kulturfestivals Origen. Sie wird 30 Meter in den Himmel wachsen, ganz aus Holz bestehen und ein Theaterhaus sein, wie es die Welt noch nicht gesehen hat.

«Durch diesen Turmbau, so hoffen wir, kommen sich auch die beiden Regionen Surses und Oberengadin näher» sagte Pfäffli bei der Feier unweit des Passübergangs, den schon die Römer benutzten, um vom kalten Norden über das Engadin in ihre Heimat zu gelangen.

Der Mann, dessen Idee es war, ausgerechnet hier einen Raum für Oper, Schauspiel und Tanz zu errichten, ist Giovanni Netzer. «Es geht nicht darum, etwas Monumentales in die Landschaft zu bauen, sondern an diesem Ort die grossen Mythen der Menschheit spürbar werden zu lassen», sagte der Intendant, Gründer und unermüdliche Macher von Origen.

Das grosse Abenteuer

Es wird ein kühner und massiver Bau, der hier entsteht, auch wenn er nur flüchtig sein wird. Der Julierturm soll nach drei Jahren wieder verschwinden, das Gelände, wo jetzt als erster Schritt ein Fundament mit Felsankern betoniert wird, der Natur zurückgegeben werden. Nur so konnte das Projekt die Bewilligung erhalten. Es war ein unglaublich komplexes Verfahren.

Dass es gelang, bezeichnet Netzer als das grösste Wunder. Doch es gab für ihn auch noch eine andere glückliche Fügung. Direkt vor der Haustür des Origen-Hauptquartiers in Riom und am Fusse des als Standort gewählten Alpenpasses sitzt ein innovatives Bauunternehmen, das als eines der wenigen hierzulande überhaupt in der Lage ist, seine Vision technisch umzusetzen.

Die Holzbaufirma Uffer in Savognin hat sich mit Origen auf das grosse Abenteuer eingelassen.
Enrico Uffer ist heute noch voller Staunen, wenn er daran zurückdenkt, wie Giovanni Netzer mit den ersten Konstruktionszeichnungen seines Julierturms zu ihm gekommen sei. Für einen Theologen und Theatermann habe Netzer ein unglaubliches räumliches Vorstellungsvermögen und eine sichere Hand für Architektur. An Uffer und seinen versierten Fachkräften ist es nun, den Traum in enorm kurzer Zeit Realität werden zu lassen.

Diese Woche wird in Savognin das Rohmaterial für den Bau angeliefert – je 20 Quadratmeter grosse und 120 Millimeter dicke Massivholzplatten. Bis zur ersten Aufführung am 3. August sind es dann gerademal 80 Tage.

Zehnzackiger Stern

Was am Julier kurz vor dem Kiosk am Passübergang gebaut wird, mag optisch gewisse Vorbilder haben. Das Castel del Monte des Staufferkaisers Friedrich II. in Apulien, das als Vorbild des Klosters im Film «Der Name der Rose» bekannt wurde, war sicher Inspiration. Doch als Holzbauwerk ist der Julierturm ohne Beispiel – durch und durch ein Prototyp, wie Uffer sagt.

Der Grundriss ist ein zehnzackiger Stern. Die Spitzen dieses Sterns sind zehn fünfeckige Türme, welche das Hauptgerüst bilden. Diese werden verbunden durch Passerellen mit hohen Bogenfenstern, die auf vier Ebenen quasi die Ränge und Logen des Theaters bilden.
Dies in so kurzer Zeit vor Ort aufzurichten, wäre niemals möglich. Uffer hat deshalb seine riesige Werkhalle in Savognin leergeräumt und fertigt die zehn Ecktürme in je vier Teilen dort vor.

Der nächtliche Transport der zwölf Tonnen schweren Module mit Lastwagen auf den Julier wird ein Spektakel für sich, zu dem es auch eine Veranstaltung gibt. Danach geht es ans Zusammenfügen. Auch wenn der Turm filigran und transparent wirken soll, muss er doch an dieser extremen Lage so einigem standhalten können. Uffer und seine Leute bauen im Grunde eine hochalpine Schutzhütte – mit der Architektur eines Luftschlosses.

Damit das Juliertheater aber auch wie vorgesehen im Winter bespielt werden kann, wird man nach der ersten Spielzeit noch eine weitere Bauetappe einlegen. Dafür müssen die Mittel aber erst noch erwirtschaftet werden. Origen hat sich dafür ein spezielles Fördersystem ausgedacht, bei dem man Teile der Konstruktion wie Logenfenster oder Sitze «kaufen» kann.

Theater in der Vertikalen

Wie spielt man Theater in einem Turm? Im Moment kann sich das wahrscheinlich nur Netzer selbst wirklich vorstellen. Er spricht von der grossen Herausforderung der Vertikalität. Gewiss wird der Eindruck der Höhe im Innern gewaltig sein. Die Bühne hängt man als runde Platte freischwebend an Stahlseile.

Sie kann so von den tiefsten Abgründen in himmlische Höhen gefahren werden. Viel radikaler kann man tatsächlich nicht Abschied nehmen vom klassischen Guckkasten-Theater. Dieses von ihm erklärte Ziel erreicht Netzer ganz bestimmt.