Theater Roxy

Ein Tänzer überwindet seine Grenzen: «Und das ist erst der Anfang»

Der Tänzer und Choreograf Alessandro Schiattarella leidet an einer Muskelkrankheit. In seinem neusten Stück wandelt er seine Verletzlichkeit in Stärke um.

Sein «ganzes Leben» habe er sich versteckt und keinem gesagt, dass er eine Behinderung hat. Man übersieht sie leicht, und einfach ist es, sie mit langärmeligen Shirts zu kaschieren. Alessandro Schiattarella lebt seit seinem sechzehnten Lebensjahr mit dem Hirayama-Syndrom, das seine Unterarmmuskeln schwinden lässt. Seine Unterarme sind dünn und kraftlos. An manchen Tagen, wenn seine Hände eiskalt sind, fällt es ihm schwer, seine Hosen zu knöpfen.

Seine Behinderung verhüllt

Dass Schiattarella sein Handicap auch seinen Arbeitgebern verheimlichte und oft unbemerkt einer normalen Arbeit nachgehen konnte, ist erstaunlich wie auch bewundernswert, da er als Tänzer einer beachtlichen Karriere in renommierten Ballett-Ensembles machen konnte. Er tanzte unter anderen im «Béjart Ballet Lausanne», «Ballet Du Grand Théâtre Genève», «Scapino Ballet Rotterdam» und im «Ballett Basel». Für seine Auftritte benutzte er Tape, um die Finger seiner linken Hand zu schliessen – eine unabdingbare Handposition im Ballett – und überschminkte die Bandage.

Bei den meisten Castings wurde der Fokus auf den gesamten Körper und dessen Bewegungsspektrum gelegt, selten auf einzelne Fingerspitzen. So konnte Schiattarella unbemerkt seine schwachen Hände an den Juroren vorbeimogeln, immer mit einem «Schuldgefühl».

Einmal flog seine Verhüllung aber trotzdem auf. Ein Choreograf bat ihn, mit der linken und schwächeren Hand eine Tänzerin in die Luft zu heben. Die Antwort kam postwendend: «Von einer Behinderung stand nichts in Ihrem Lebenslauf.»

Solche Erfahrungen haben Schiattarella jedoch nicht vom Tanzen abgehalten. Vor vier Jahren fasste der heute 33-Jährige den Entschluss, ein Solo-Stück zu choreografieren, in dem er seine Behinderung ins Zentrum rückt. 2014 zeigte er daraus eine erste Kurzversion in der Veranstaltungsreihe «Mixed Pickels» im Theater Roxy, am kommenden Sonntag feiert mit einer ersten Langversion seiner Solo-Arbeit «Tell me where it is» Premiere.

Dieser Schritt, seine eigene Verletzlichkeit sichtbar zu machen, ist dem Tänzer nicht leicht gefallen. Zu seiner grössten Angst zählt er nämlich die Bewegungsstarre auf der Bühne, bei der das Auge des Betrachters auf seinen dünnen Armen haften bleibt. In seinem neuen Stück erzählt Schiattarella nun von beidem: von der Entblössung und der Verhüllung.

So beginnt der Tänzer abseits des Tanzbodens regungslos an die Wand gelehnt. Schutzsuchend, sich stützend, von den Scheinwerfern unbelichtet. Nur sein Atem ist im Raum zu hören. Das Gesicht dreht er mal zum Publikum, mal wendet er es wieder ab. Die Arme der Wand entlang von sich gestreckt, wirkt er wie eine zweidimensionale Figur, wie ein Gecko, der sich an einer Mauer festkrallt.

Allmählich entwickelt sich aus der Zweidimensionalität eine Dreidimensionalität, Schiattarella löst sich aus der Starre und beginnt mittels unterschiedlicher Stilmittel seine Hände in Szene zu setzen. Aus der Verletzlichkeit wird Stärke, aus dem Handicap ein Mehrwert.

Hände als Tanzpartner

In mehreren Sequenzen im Stück übernehmen die Hände das Kommando, oder werden erbarmungslos manipuliert und in schlappes, puddingähnliches Material verwandelt, das geschüttelt und durch die Luft geschleudert wird.

Was man hier sieht, ist ein Tänzer auf der Entdeckung seiner Möglichkeiten, bei der Überwindung seiner Grenzen. Es ist der Beginn einer vielversprechenden Entfaltung, dessen Werdegang es sich lohnt, zu verfolgen, denn dies ist, wie Schiattarella selber sagt, «erst der Anfang».

«Tell me where it is» feiert diesen Sonntag, 22. November, um 18 Uhr Premiere. Danach findet die Aufführung am 23./24./26. November jeweils um 20 Uhr statt sowie am 27. November um 21 Uhr. Mehr Informationen finden Sie unter: www.theater-roxy.ch

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