Diesen Hecht müssen Sie sehen! Bestimmt 1,60 m lang ist er, prächtig gefärbt, dick wie ein Lastwagenpneu, gfürchig die Zähne – und glitschig wie ein Aal. Der junge Fischer kann das Tier kaum halten, noch beim Schlussapplaus zappelt es über die Bühne. Es ist das Quäntchen Überrealismus in einer wild-verspielten, hochartifiziellen Aufführung von Paul Burkhards (1911– 1977) Klassiker «Der Schwarze Hecht». Wobei «Klassiker» wohl das falsche Wort ist: Klassiker sind Stücke, die man spielt: Nicht in Hombrecht- oder Hinterhupfikon, sondern auf den grossen Bühnen. Und dort sind Burkhards Stücke ausgestorben. Erstaunlicherweise pflegt selbst Wikipedia die Mär, dass sich Burkhards Werke im Repertoire der Opernhäuser gehalten haben.

«Der Schwarze Hecht» wurde am 1. April 1939 am Schauspielhaus Zürich uraufgeführt – dem «züridütschen Öperli» würde man heute Musical sagen. Der Abend war kein Renner, erst eine zweite Inszenierung im Jahr 1948 machte das Stück berühmt – eine Verfilmung folgte. Und der Ohrwurm «Oh, mein Papa» wurde dank Lys Assia ein Welthit. Aber eben: Alles ist lange her. Wer nach 1970 geboren wurde, bekam davon nicht viel mit, es sei denn, irgendwo lag noch eine zerkratzte Schellack- oder Vinylplatte herum.

Kein Angst vor dem Hecht!

Aber alle Menschen, die kaum eine halbe Strophe des Stücks kennen, müssen keine Angst um ihre «Hecht»-Initiation haben: Der von Zürich bis Berlin bejubelte Regisseur Herbert Fritsch frischt zwar alles poppigpeppig auf, gibt den Charakteren bizarrverdrehte Züge, aber er erzählt die Geschichte so, dass jeder versteht, um was es da geht. Ist auch nicht so schwer.

Fabrikant Oberholzer (Jean-Pierre Cornu) hat Geburtstag. Zum Hechtessen erwartet werden die Geschwister mitsamt Partner. Als das halb schauerliche, halb schöne Familienessen seinen gewohnten Lauf nimmt, läutet es und es erscheint der abtrünnige Bruder: Zirkusdirektor Obolski (Hubert Wild)! Nicht genug damit: Im Schlepptau hat er seine attraktive Frau, die polnische Trapezkünstlerin Iduna (Ruth Rosenfeld). Die Komödie streift die Tragödie, der Hecht wird schwarz, das Stück aber ufert aus im Nichts.

Kühne Akrobatik

Der Beginn ist immerhin noch golden, säuselt doch tatsächlich die gefährliche Es-Dur-Idylle aus Richard Wagners «Rheingold» aus dem «Orchestergraben»: Doch schnell wird klar, dass hier eher «The Rocky Horror Picture Show» zu sehen sein wird, als ein charmant ergrautes Burkhard-Öperli. Und zur finalen Götterdämmerung reichts nicht.

Oft wird leider nicht sprechend gesungen, sondern pausenlos, und oft schwer verständlich, geschrien – was die Verständlichkeit nicht eben erhöht. Hut ab allerdings vor der geleisteten Akrobatik und dem kühnen Mimik-Spiel! Carol Schuler als Köchin Kattri zieht heimlich die Fäden, sekundiert von Jubilar Jean-Pierre Cornu: und kurios-famos wie Lisa-Katrina Mayer Tochter Oberholzer einen Charakter schenkt.

Doch der Rausch, den uns die Schweizer Ausgabe der «ZEIT» am Donnerstag schon vor der Premiere versprach, ist viel eher ein Kater. Die Schlagzeile «Im Oktober stürmt der Kulturmensch den Zürcher Pfauen» erweist sich als Zeitungsente.

Einzelne Glanzpünktchen

Mit Verlaub: Nicht die paar Kritikermeinungen würden das ermöglichen, sondern die Mundpropaganda. Doch die neutralen Gesichter im Schauspielhaus wurden im Laufe des Abends trotz einzelner Glanzpünktchen lang und länger, der rhythmische, die Musik begleitende Schlussapplaus immer dünner und dünner. Kaum war der letzte Ton verklungen, stand alles auf. Die Aufführung wirkte so, als sei der Silvesterschwank schon im September gegeben worden. Ein lauter Knall, ein wilder 1. Akt – und dann der Kater. Kein Wunder, wird das Stück am 31. Dezember gleich zweimal gespielt. Und klar: den ganzen Oktober sowieso. Ein «vorprogrammierter Erfolg» eben.

Der Schwarze Hecht 13 Mal bis 31. 12. Schauspielhaus Zürich, Pfauen.