Grauer Himmel und trübe Wolken, die Regen versprechen. «Sehen Sie das?», fragt Arno Camenisch und zeigt aus dem Fenster. «Dieser feine Nebel, der da an den Berghängen klebt und durch die Wälder zieht – das ist mein Graubünden.» Wir sitzen neben dem Schriftsteller im Postauto, das die kurvige Strasse hoch nach Trin Mulin fährt – dem Ausgangspunkt unserer Wanderung. Das schlechte Wetter macht Camenisch nichts aus, im Gegenteil: Er liebe es, wenn es regne.

Genauso wie der Bündner Autor mehr am Regen als an der Sonne interessiert ist, thematisieren auch seine Texte nicht nur die schönen Seiten des Lebens. Seine Geschichten sind Gratwanderungen zwischen Leichtigkeit und Schwere, Leben und Vergehen, Neuanfang und Ende. «Was mich interessiert, ist der Gegensatz von Komik und Tragik, denn erst aus Tragik heraus kann Komik überhaupt entstehen», sagt Camenisch. Graubünden sei eben nicht nur schön bei Tag, sondern auch bei Nacht.

Menschliche Mikrokosmen

Graubünden, die Kulisse seiner Bücher. Bereits Camenischs Erstling «Sez Ner» (2009) spielt auf einer Bündner Alp und ist eine augenzwinkernde Beschreibung vom dortigen Leben. Auch seine nachfolgenden Romane spielen grösstenteils in der rauen Schönheit der Berge Graubündens.

Doch gerade sein zuletzt erschienenes Buch «Die Launen des Tages» (2016), eine Sammlung von Geschichten eines Reisenden, entfernt sich aus der vertrauten Kulisse und beweist, dass diese nur einen Teil des typisch camenischen Schreibens ausmacht. Was seine Prosa kennzeichnet, sind raffinierter Sprachwitz und liebevoll detaillierte Beschreibungen menschlicher Mikrokosmen.

«Im Zentrum meiner Texte ist immer der Mensch», sagt Camenisch. «Seine Emotionen, was ihn beschäftigt, wo er seine Zweifel hat. Das ist das, was uns alle ausmacht im Kern – egal, woher wir sind.» Dies ist wohl einer der Gründe, weshalb seine Bücher auch international erfolgreich sind: Die Leser finden sich in den Geschichten wieder. Beim Schreiben gehe es nicht um den Autor, findet Camenisch. Am Ende seien es die Leserinnen und Leser, die den Text vervollständigten – mit ihren Erinnerungen und Emotionen.

Mittlerweile gehört Camenisch zu den renommiertesten Schweizer Autoren. Aufgewachsen ist der 39-Jährige im 50-Seelen-Dorf Tavanasa, das in der Surselva im Schatten einer Talsohle liegt. «Trist», beschreibt Camenisch sein Dorf, während wir auf einem breiten Weg durch den Wald laufen. «Und genau deshalb finde ich es schön.» Denn das Triste habe eine starke Atmosphäre, habe Tiefe. Und Tiefe sei immer eine Form von Schönheit.

Wir treten aus dem Wald auf eine Lichtung, und kurz darauf liegt der klarblaue Crestasee still und einsam vor uns. Eine Ente durchbricht die spiegelglatte Wasseroberfläche, im Hintergrund erheben sich mächtige, kantige Berge. «Das ist einer meiner liebsten Orte in Graubünden», sagt Camenisch. Schwimmen im Crestasee sei etwas vom Grössten.

Nachdem wir den See verlassen haben, gelangen wir über wurzelige Pfade zur Aussichtsplattform Spir, von der aus der Blick weit über die Rheinschlucht schweift. Trotz seiner Höhenangst kommt auch Camenisch mit hoch, ohne allerdings den Blick nach unten zu richten, wo sich der Fluss durch die braune Ebene schlängelt.

Später wandern wir über einen Pfad hinunter in die Rheinschlucht. Mittlerweile giesst es aus Kübeln, Camenisch ist begeistert. «Ich merke bei jedem Besuch, wie gern ich hier bin. Für mich ist Graubünden ein Kraftort, hier kann ich Energie tanken.»

Seit 10 Jahren wohnt und arbeitet er in Biel. Entfernung zum Ort sei wichtig, um darüber schreiben zu können. Dies tut der zweisprachig aufgewachsene Autor auch auf Romanisch, seine «Herzenssprache». Das sei für ihn wie Erde anzufassen. Die meisten seiner Bücher sind aber auf Deutsch erschienen, gespickt mit Begriffen aus anderen Sprachen. Wörter, die vielleicht nicht jeder versteht – doch das spiele keine Rolle. «Das sind wie Farbtupfer, es geht immer auch um den Klang», erklärt Camenisch. «Denn der Sound der Sprache ist die Seele des Textes, sein Herzschlag.»

Die Gefühle bleiben

Dieser kommt dann zur Geltung, wenn er mit rauer Stimme aus seinen Büchern vorliest. Regelmässig ist Camenisch auf Lesungen unterwegs. «Ich liebe die Bühne», sagt er. Denn dort gehe es um Emotionen, um den Kontakt zum Publikum. Mit dem, was er mache, wolle er Leute berühren: «An die genaue Handlung eines Buches kann man sich nach ein paar Jahren vielleicht nicht mehr erinnern, aber die Gefühle, die man beim Lesen oder Zuhören empfunden hat, weiss man noch ganz genau.»

Am Ende gehen wir einen kurzen, steilen Pfad bergauf, bis wir schliesslich zum Bahnhof Versam gelangen. «Das Schönste am Regen», sagt Camenisch, als wir bei einer dampfenden Tasse Kaffee auf den Zug warten, «ist der Moment, wenn man von draussen reinkommt und dem Plätschern vor dem Fenster zuhören kann.»