Erster Weltkrieg

Ein Schriftsteller ging an die Kriegsfront – und erhält ein Vegi-Menü

Der britische Schriftsteller und Dramatiker George Bernard Shaw in einer Aufnahme von 1914. Alamy

Der britische Schriftsteller und Dramatiker George Bernard Shaw in einer Aufnahme von 1914. Alamy

Der irische Schriftsteller George Bernard Shaw schrieb gegen den Ersten Weltkrieg an und fiel dadurch in der Öffentlichkeit in Ungnade. Doch als er 1917 von einem Militär an die Kriegsfront eingeladen wurde, änderte sich sein Standpunkt teilweise.

Als der Erste Weltkrieg ausbrach, feierte George Bernard Shaw (1856–1950) in London gerade den Erfolg seines Theaterstücks «Pygmalion». Die Komödie, in der ein Phonetikprofessor ein Blumenmädchen aus der Gosse salonfähig macht, sprach die Menschen an. Mit der Drehbuchversion gewann Shaw später einen Oscar und wurde zur einzigen Person, die einen Nobelpreis und einen Oscar gewann. Freilich wünschte sich die Mehrheit der Theatergänger am Ende der Aschenputtel-Geschichte ein Happy End. Doch dies kam für Shaw nicht infrage. Er sah «Pygmalion» als Emanzipationsgeschichte, die durch eine Hochzeit verraten würde.

Shaw musste feststellen, dass das Ensemble seine Anweisungen hintertrieb, worauf folgender Wortwechsel stattfand: Hauptdarsteller: «Mein Schluss macht Kasse – Sie sollten mir dankbar sein.» Shaw: «Ihr Schluss ist schändlich – Sie sollten erschossen werden.» Wie man sieht, beharrte Shaw oft mit grosser Streitlust auf seinen Idealen.

Am 4. August, dem Tag des britischen Kriegseintritts, telegrafierte Shaw fassungslos an seinen österreichischen Freund und Übersetzer Siegfried Trebitsch: «Was für eine abscheuliche Situation – Zivilisation reisst sich selbst in Stücke – du und ich im Krieg – gehts noch absurder.»

Im Herbst 1914 lief bereits eine grosse Rekrutierungskampagne. In einer beispiellosen Propagandaschlacht wurde den jungen Männern die Teilnahme am Krieg als abenteuerliche Heldentat schmackhaft gemacht. Die britische Propagandamaschinerie war Hitler später gar ein Vorbild. Im ganzen Land wurden Schauergeschichten von den angeblichen deutschen Gräueltaten verbreitet, und in den Strassen wurden nationalistische Lieder geschmettert.

Shaw hingegen setzte sich hin und schrieb ein langes Pamphlet mit dem Titel «Common Sense about the War», das am 14. November als Beilage des Magazins «The New Statesman» erschien. Er setzte sich darin mit dem Krieg und seinen Ursachen auseinander, ohne sich um die vorherrschende politische und patriotische Rhetorik zu scheren. Er kam zum Schluss, dass die deutsche Verletzung der Neutralität Belgiens ein fadenscheiniger Vorwand für die britische Kriegserklärung an die Achsenmächte war. Statt mit dem verklärten Blick des Patrioten betrachtete Shaw den Krieg nüchtern mit gesundem Menschenverstand und entlarvte ihn als Ringen um das Gleichgewicht der Mächte. Als verantwortlich für den Krieg sah er den Landadel – den deutschen wie den englischen.

Was Shaws Zeitgenossen, die sich als Patrioten und Deutschland-Hasser aufspielten, vielleicht am meisten in Rage versetzte, war der scheinbar neutrale, unpatriotische Standpunkt, den Shaw in seiner Analyse einnimmt. Er verortete Junkernwirtschaft und Militarismus genauso in England wie in Deutschland und verurteilte deren Kriegsgelüste als asozial gegenüber der Arbeiterklasse im eigenen Land. Hier zeigt sich die sozialistische Haltung, die Shaw freilich schon immer vertreten hatte. Doch er ging sehr weit, wenn er sagte, die «heroische Massnahme» wäre zweifellos, «dass beide Armeen ihre Offiziere erschiessen, nach Hause gehen, die Ernte einbringen und eine Revolution starten».

Das war zu viel für England. Shaw geriet ins Auge eines Shit-storms avant la lettre. Er wurde als Schwächer der nationalen Moral angeprangert, als einer der keinerlei Liebe für sein Vaterland hegt. Auch bei Schriftstellern und Freunden wie H.G. Wells und Henry Arthur Jones fiel er in Ungnade. Seine Bücher verschwanden aus Bibliotheken und Buchläden, und in den Clubs der Autoren und Dramatiker wurde er isoliert. Es sollte noch eine Weile dauern, bis andere Dichter wie Siegfried Sassoon ihre Stimme erhoben, um die Grausamkeit und Sinnlosigkeit des Kriegs zu thematisieren.

Shaw wurde aufgrund von «Common Sense about the War» als Pazifist verleumdet, der den Krieg stoppen wollte, welchen Preis auch immer das für Grossbritannien haben sollte – oder gar als Anwalt der feindlichen Deutschen. Doch beides ist nicht stichhaltig. Shaw sah den Krieg bloss in seiner ganzen Komplexität und verwahrte sich gegen das eindimensionale Bild desselben als Heldendrama von Gut gegen Böse.

Unmittelbar nach dem skandalträchtigen Aufruf zur Desertion und Revolution fügte Shaw in seinem Pamphlet an: «Aber das ist nicht praktikabel.» Shaw machte deutlich, dass er unter den gegebenen Umständen einen beherzten Kriegseinsatz gegen die deutsche Aggression in Belgien für unausweichlich hielt. Der gebürtige Dubliner, dem der Hass der Iren gegen die Engländer nur allzu vertraut war, forderte ein einmütiges Vorgehen der Nachbarnationen.

Shaws Pamphlet war in unheimlicher Weise prophetisch. Er warnte davor, nach einem Sieg der Alliierten Deutschland Reparationszahlung aufzubrummen, um keine Rachegelüste zu schüren. Ferner sagte er voraus, dass ein zweiter Krieg von solcher Dimension sein werde, dass der Erste Weltkrieg dagegen wie ein Spiel anmute. Es würden systematisch Städte ausgelöscht und Zivilisten getötet.

Das beeindruckte spätere Leser Shaws, doch im November 1914 verscherzte er sich mit seiner niederschmetternden Analyse der europäischen Missstände die Sympathie seiner Landsleute gründlich. Dies zu einer Zeit, in der der Rest der Nation gewillt war, sich den Täuschungen der Kriegspropaganda hinzugeben. In seinem Pamphlet, ebenso wie auch in seinen Theaterstücken, stellte sich Shaw in den Dienst der Erziehung seiner Mitbürger und trat als Aufklärer auf. Shaw hatte nie die Absicht, die Soldaten zu desillusionieren, denn er wusste, dass die Moral der Truppen essenziell war. Wogegen er sich mit allen Kräften stellte, war die Augenwischerei der Zivilgesellschaft in Bezug auf politische Fragen und den Krieg.

Dabei vertrat der Autor nichts anderes, als er auch in seinen Stücken vertrat, die von moralischem Sendungsbewusstsein durchdrungen sind. Doch die Bühnenstücke machen lachen – «Common Sense about the War» tut es nicht. Shaw hatte sich in seinen Komödien schon lange und ausgiebig mit moralischen Fragen rund um den Krieg befasst. In «Arms and the Man» (1894) ist die Hauptfigur ein Schweizer Söldner, Captain Bluntschli, der bloss mit Schokolade bewaffnet durch Schlafzimmerfenster steigt.

Das Stück ist eine Abrechnung mit jeglicher Verklärung von Krieg als romantischem Abenteuer. «Major Barbara» (1905) lässt einen englischen Waffenfabrikanten mit seiner Tochter, die Majorin in der Heilsarmee ist, Fragen der Moral und Verantwortung diskutieren. Shaw liess seine Protagonisten oft messerscharf und radikal argumentieren. Die unkonventionellen – sozialistischen, feministischen, religionskritischen – Positionen, die Shaw persönlich vertrat, bekommen in seinen Stücken Raum. Doch sie sind eingebettet in eine Polyfonie, und vor allem kommen sie in einer amüsanten Verpackung.

Obwohl Shaw wegen «Common Sense about the War» von allen Seiten angefeindet wurde, dachte er nie daran, auch nur ein Wort zurückzunehmen oder sich zu mässigen. Unerschrocken wandte er sich in seinem nächsten Stück demselben Thema zu. «Heartbreak House», seine wichtigste Arbeit während der Kriegsjahre, zeichnet ein Sittengemälde der englischen Upperclass am Vorabend des Kriegs. Mit spitzer Feder porträtierte Shaw seine Figuren als Raubtierkapitalisten und verantwortungslose Hedonisten. Im Hintergrund des frivolen Treibens zeichnet sich der bevorstehende Untergang der Gesellschaft im Krieg ab. Es drängt sich eine Interpretation des Kriegs als Apokalypse und Strafe für das schändliche Treiben auf.

An «Heartbreak House» arbeitete Shaw ein Jahr, was für seine Massstäbe sehr lang war. Das Stück war 1917 fertig, kam aber erst 1920 zur Erstaufführung. Shaw erklärte im Nachwort, er hätte es aus Taktgefühl bis nach dem Kriegsende zurückgehalten. Der Krieg dulde keine komische Behandlung, solange britische Soldaten darin ihr Leben heldenhaft aufs Spiel setzten. Am Schluss von «Heartbreak House» muss sich die Gesellschaft vor einem deutschen Bombenangriff in Sicherheit bringen. Shaw wollte nicht riskieren, dass ein Bombenalarm im Theatersaal aus der Fiktion Wirklichkeit macht. London und weite Teile Englands wurden während des ganzen Krieges von Deutschen Luftschiffen bombardiert. Shaw wohnte an der Anflugroute auf London und wurde 1916 Zeuge, wie ein Zeppelin direkt über sein Haus flog, kurz darauf abgeschossen wurde und in Flammen aufging.

In Wahrheit hatte Shaw durchaus ein britisches Nationalgefühl und hoffte, dass die Alliierten die Mittelmächte bezwingen würden. Wie sehr ihm seine Kritiker Unrecht taten, zeigt sich in einer Anekdote über seinen Besuch an der Kriegsfront. Shaw wurde 1917 überraschenderweise vom britischen Feldmarschall Douglas Haig an die französische Front eingeladen. Er mutmasste scherzend, ob man ihm damit wohl nach dem Leben trachte, hielt es jedoch für seine Pflicht, die Einladung anzunehmen. Haig bemühte sich um seinen Gast und liess für den Vegetarier gar ein Spezialmenü mit Eiern, Spinat und Teigwaren herbeizaubern.

Der Kriegsjournalist Philip Gibbs, der Shaw an der Front begleitete, notierte, wie Shaw laut nachdachte: «Die Gedanken, die man über diesen Krieg hat, laufen auf parallelen Linien, die sich nie treffen können. Die erste ist, dass dies alles eine Erniedrigung der Menschheit ist, ein grosser Wahnsinn und ein Verbrechen gegen die Zivilisation. Es hätte nie passieren dürfen. Es ist eine schmutzige Sache, für die wir uns alle schämen sollten. Das ist die erste Gedankenlinie. Die zweite ist: Wir müssen die Drecksdeutschen besiegen!»

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