Wer auch immer vor W. A. Mozart den «Don Giovanni»-Stoff vertonte, hatte Pech, wurde von der «Oper der Opern» von der Opernlandkarte weggeputzt. Wer sich aber nach Mozart an «Don Giovanni» heranwagte, nach 1787, muss verrückt gewesen sein – oder aber ein Opernnarr erster Güte. Giovanni Pacini (1796–1867) war wohl eher Zweiteres. Der Mozartverehrer war ein solider Schaffer, der es immerhin in Lucca zum Hofkapellmeister brachte und rund 80 Bühnenwerke schrieb. Seinen «Don Giovanni» nannte er liebevoll «Piccola Operetta», ein Öperchen.

Anfänglich kämpfte Pacini wie alle Komponisten zwischen Napoli, Paris und Berlin gegen Gioacchino Rossinis alle Welt süchtig machende unendliche Tongirlanden an. Später dann musste Pacini auch angesichts der dramatische Wucht Bellinis und Donizettis klein beigeben. Als 1840 mit Giuseppe Verdi ein noch ganz anderes Kaliber die Bühne betrat, wars um Pacinis Nachruhm geschehen.

Mozarts Librettist in Hörweite

Die von Musikpublizist und Musikwissenschafter Bruno Rauch geleitete Free Opera Company (vormals Pocket Opera) rückt Pacini in Zürich in ein schönes Licht, stilisiert ihn aber nicht zum Genie hoch. Für ein grosses Theater war Pacinis Werk nie gedacht, in Kammerbesetzung liess er das Orchester agieren. Die Rezitative, die gesprochenen Dialoge, wurden damals offenbar improvisiert. Co-Regisseur und Dramaturg Rauch hat sie neu geschrieben, hält sich stark an Mozarts Librettist Lorenzo da Ponte, übersetzt die Worte aber in eine «heutige Sprache».

Schwache Rezitative ...

Die deutsch gesprochenen Rezitative geben nun zwar die Rahmenhandlung wieder, aber sie offenbaren die Schwächen dieser munteren Sänger-Schar: in Noten gesetzte Worte zu singen, ist für alle kein Problem, deutsche Worte zu sprechen durchaus. «Cool», «okay» und «verarschen» heisst es jetzt – näher gehen einem die Szenen dadurch nicht, zumal die Worte wie aufgesagt klingen. Und wenn die unheimliche Mozart/da-Ponte-Szene, in der Donna Anna klar wird, wer der Mörder ihres Vaters ist, in ein kleines, holpriges Rezitativ gepackt wird, tut das nicht nur dem Mozartfreund in den Ohren weh.

Einen Schritt weiter, ja frecher noch (vielleicht gar Mundart?) – ein dramaturgischer Blitz – und alles würde sich zu einer stimmigen Aufführung zusammenfügen. Denn sobald Musik erklingt, das sei betont, ists ein grosses Vergnügen, im Theater Rigiblick zu sitzen und dieses Werk kennen zu lernen.

... tolle Musik

Munter gehts hinein in die Ouvertüre, Rossini gibt den Ton an ... Alsbald schälen sich die Charaktere dank Pacini sehr hervor – das musikalische Niveau hält sich, selbst die Mozartklippen des rezeptionsgeschwängerten Finales umgeht Pacini gekonnt.

Die jungen und bestens zu ihren Rollenbildern passenden Sänger sind über die starke Stimme aus dem «Orchestergraben» sicher froh.

Allesamt singen sie auf hohem Niveau, keiner fällt ab. Pascal Marti ist der Titelheld – im Unterschied zu Mozarts Werk singt hier ein Tenor. Es liegt nicht an Marti oder der Stimmlage, sondern an Pacini, dass er eine etwas blasse Figur bleibt. Nebenbei: Pacini muss einen tollen Sänger zur Verfügung gehabt haben, eine Mischung aus José Cura und Juan Diego Florez wäre die ideale Besetzung. Der prächtig singende Jonathan Sells als Sympathieträger Leporello, pardon Ficcanaso!, hats um einiges einfacher, die Bravos einzuheimsen.

Aus dem Ensemble ragt der charaktervolle Sopran von Ulla Westvik (Zerlina) heraus. Erst freut man sich, dass selbst die «Nebenrolle» gut besetzt ist, bis man erkennt, dass diese Zerlina auch die Rolle der Mozart/da Ponte-Elvira übernimmt. Und ja, zum Schluss – eine kühne Idee – zeigt diese Figur, dass die Frauen selbst in diesem Stück die Hosen anhaben, Zerlina wird zu(r) Don(na) Zerlina.

Unaufgeregte Regie

Regisseurin Gisela Nyfeler erzählt die Handlung geradlinig und weiss mit der kleinen Bühne (Marianna Helen Meyer), die nur wenige Requisiten kennt, spielerisch umzugehen. Eine Bar, ein Sofa, drei Stühle und ein Kleiderständer, vier schöne Ideen – fertig ist dieser bejubelte Abend! Viel zu reden gibt die Aufführung für «Don-Giovanni»-Kenner wie «Don-Giovanni»-Novizen auf jeden Fall.

Don Giovanni: Theater Rigiblick, Zürich,
9-mal bis 18. März.