Meier

Ein Musiker ist auch ein Schatzsucher

Probt mit dem Wettinger Kirchenchor St. Sebastian Kramárs Missa  solemnis: Stephan Meier (am Flügel).

Ein Musiker ist auch ein Schatzsucher

Probt mit dem Wettinger Kirchenchor St. Sebastian Kramárs Missa solemnis: Stephan Meier (am Flügel).

Der Musiker Stephan Meier liebt tschechische Komponisten. Deshalb führt er morgen mit dem Wettinger Kirchenchor St. Sebastian Frantisek Kramárs Missa solemnis auf – eine Schweizer Erstaufführung.

Elisabeth Feller

Nicht nur Archäologen, auch Musiker graben. Allerdings nicht in der Erde, sondern in Bibliotheken. Entweder leitet sie dorthin die Vorahnung oder aber ein Tipp. Suchen Musiker Bibliotheken auf, werden sie zu Schatzsuchern: Werke, die seit Jahrhunderten in Archiven dahindämmern, entdecken, um sie dann der Öffentlichkeit zugänglich machen - welche Wonne für sie!

Der Umiker Kirchenmusiker Stephan Meier ist ein solcher Schatzsucher. Das muss in der Familie liegen, denn auch Bruder Bruno, Flötist, ist ein solcher. Wie jener ist auch auch Stephan Meier von tschechischen (früher böhmischen) Komponisten begeistert, oder - salopper - «angefressen». Namen wie Kramár, Rejcha, Vanhal, Richter, Kopriva, Kozeluh, Tuma, Rosetti, aber auch ein Zungenbrecher wie Czernohorsky gehen ihm beneidenswert selbstverständlich über die Lippen. Wer Meier zuhört, findet sich unversehens in jene Prager Bibliothek versetzt, in der er auf die teilweise völlig unerforschten Meisterwerke der Genannten stiess.

Als wahrer Glücksfall erwies sich für Meier ein Pra-
ger Freund: «Er hat mir während Jahren aus den Originalhandschriften handschriftlich die Musik in mustergültiges Notenmaterial übertragen.» Aber auch Meier erstellte aus Originalkopien jenes Notenmaterial, das er - beispielsweise mit dem Chor der Kantonsschule Wiedikon-Zürich und dem Zürcher Instru-mentalensemble - zur Schweizer Erstaufführung brachte.

Kramár ist Krommer

Um eine solche handelt es sich auch bei Frantisek Vin-
cene Kramárs Missa solemnis in C-Dur, die im Ostergottesdienst in der Wettinger
St.-Sebastians-Kirche erklingen wird. Kramár? Mit einem Lächeln verweist Meier auf die Eindeutschung des Namens, die aus Frantisek Kramár einen Franz Krommer macht. Jetzt dämmerts. Zählt Kramár nicht etwa zu den erfolgreichsten der im Ausland lebenden tschechischen Meistern des ausgehenden 18. und frühen 19. Jahrhunderts? Aber ja, nickt Meier. Hat Kramár respektive Krommer nicht sehr viele interessante, weltliche Werke komponiert? «Doch», nickt Meier erneut.

Genau deshalb habe er sich immer wieder gefragt: «Hat Kramár denn nicht auch Geistliches geschrieben?» Er hat - allerdings erst im Alter. Ein Tipp von Bruder Bruno brachte Stephan Meier schliesslich auf eine Spur, die ihn abermals in eine Prager Musikbibliothek führte. Dort hob er mit der Missa solemnis in C-Dur ein Werk, «das sich füglich neben Haydns späten Messen behaupten kann». Kramárs Missa, schwärmt Meier, «ist völlig eigenständig. Sie ist sehr durchsichtig komponiert und zeichnet sich durch exzellente Modulationen aus.» Stephan Meier bewundert die Übergänge der Chorgruppen, bewundert, «wie sehr Kramár auf jede einzelne Note hinführt. Seine Missa ist ein wunderbar ausgeschaffenes Werk, das sehr leise endet», sagt Meier und fasst seine Eindrück in einem Wort zusammen: «Toll.»

Kein Wunder, freut sich der leidenschaftliche Musiker auf die österliche Surprise mit dem Kirchenchor St. Sebastian, den Solisten Mirjam Künzi, Nadia Catania, Niklaus Rüegg und Christoph Pfaltz sowie einem Orchester mit Berufsmusikern.

«Liebenswerte menschen»

Dem 42-köpfigen Chor ist Meier seit sechs Jahren intensiv verbunden. «Es ist ein ausgeglichener Chor mit liebenswerten Menschen», rühmt ihn Meier und doppelt nach: «Sagt man den Sängerinnen und Sängern etwas, nehmen sie solches ohne weiteres an.» Von Mitte Januar bis April wurde geprobt, verworfen und für gut befunden. Nun steht die Aufführung bevor - für alle Beteiligten ein Erlebnis.
Gibt Stephan Meier morgen den ersten Einsatz, wird er möglicherweise ein Konzert von 1993 Revue passieren lassen: Damals führte der Musiker Kramárs Messe in d-Moll auf. Und diese war Initialzündung für die Wie-
derentdeckung der Missa solemnis in C-Dur - glückliches Wettingen!

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