Ausstellungen

Ein malerischer Orkan: Alex Sadkowskys Kunst ist popartig unartig

Für den Tausendsassa Alex Sadkowsky gibts gleich zwei Ausstellungen im Aargau. Aus gutem Grund.

Nein, den wahren Grund für gleich zwei Ausstellungen für den Künstler Alex Sadkowsky soll man bitte nicht oder nicht zu laut nennen. Also sagen wir es so, wie Alex Sadkowsky es selber vielleicht formulieren würde, nur nicht so wortreich, witzig und ausufernd: Er hatte im Januar Geburtstag, keinen runden, eher einen acht- und fünfeckigen.

Vielleicht ist das nicht seine Lieblingszahl, obwohl er davon mehrere hat. In Gedichten beschreibt er sie, in Bildern reiht er sie auf: 100 Philosophenaugen, 250 Frauenlippen, 720 Damenslips ... akkurat gemalt, jedes Bild im Bild anders, denn schliesslich gibt es neben der Fantasie eine vielgestaltige Realität. Beide kann man dank Alex Sadkowskys Pinsel-, Bleistift- und Schreibwerken heiter und bunt sehen, frivol und satirisch, aber immer liebevoll und gekonnt gestaltet. «Kunst ist permanente Erfindung, ist mächtige Liebe», sagt er in einem seiner Filme. Denn ja, auch das macht der Tausendsassa – oder lässt es zu. Wie bei Fredi Murer, dem es 1967 in «Sad*is*Fiction» gelang, die vielen Facetten des Alex Sadkowsky zum Klingen zu bringen.

Popartig unartig

In die 60er- und 70er, in die wilden Jahre der Kunst muss zurückblicken, wer sich dem Kosmos Sadkowskys annähern will. Mit Freund Friedrich Kuhn und der Clique der «Kleinen Zürcher Wahnwelt» wurde alles ausprobiert, was es gab oder erfunden werden musste. Alex Sadkowsky gebärdete sich als Dirigent im New Yorker Verkehr, als lebende Statue in Zürich, liess Freunde in Badewannen voller Farbe eintauchen, tanzte, reiste, spickte einen Kinderwagen und seinen BMW mit Hunderten Gabeln – und malte, malte, malte. Seine ikonisch schönen Frauen mit Palmenhainen bekränzt, den Flaneur, den afrikanischen Sternenhimmel in Köpfe schöner schwarzer Frauen eingeschrieben, die Schwimmerinnen im Farbenmeer, immer in der Schwebe zwischen eingängiger Pop-Art, Unartigkeit und surrealer Abartigkeit, zwischen Zeitgeist und zeitloser Gültigkeit. Er zeichnete das ganze Kultur-Zürich und die Schriftsteller der Welt, schuf erotisch züngelnde Objekte ... Und wurde 1969 doch eingebürgert.

Irgendwann packte ihn die Sprache. Ist Lyrik seine Stärke oder die verschlungene Prosa mit so schönen Titeln wie «Die Sprache des Körpers beim Warten auf den Koffer»? Über 1000 Seiten umfasst «Die chinesische Wespe», die ihn Jahre Arbeit kostete, in denen die Malerei hintanstehen musste und sein Ruf als Maler etwas verblasste.

Doch Alex Sadkowsky ist ein Vielschaffer, gleichzeitig ein Träumer, ein Utopist. «Kind bin ich und bin es geblieben», sagt er treffend über sich selber. «Ich möchte ein Schmetterling sein», ist ein weiterer Lebenssatz von Alex Sadkowsky. Sagt ihn und tanzt dann in einem dieser Filme durch Strassen und Wald, über den Zürcher Lindenhof oder durch sein weiträumiges Atelier in Schneisingen. Dort lebt und arbeitet er seit Jahrzehnten – im Sommer. Den europäischen Winter verbringt Alex Sadkowsky seit 26 Jahren im warmen Thailand. Er malt und schreibt, früher gar auf seinem schwimmenden Atelier, fährt mit dem Velo den 796 Grüntönen der Reisfelder nach – und telefoniert täglich und pünktlich um 15 Uhr mit seiner Frau Sonja. Seit 1957 sind die beiden verheiratet und haben vier Kinder.

Sonja Sadkowsky ist es, die nun die Ausstellungen einrichten hilft, den Überblick bewahrt. Sie ist es auch, die auf die neuesten Bilder hinweist: auf eine Serie mit architektonischen Fantasien, die wild aus und um einen Frauenkopf wuchern. Nein, für die Vernissagen werde Alex nicht anreisen, «aber er wird die Gäste mit einer Videobotschaft begrüssen», sagt sie, lächelt und weiss: Reden, erklären, das kann er. Ausschweifend und mit jedem Jahrzehnt heiserer, aber poetisch und herzlich.

Alex Sadkowsky Neue Galerie 6, Aarau, bis 16.3. Vernissage: Sa 16.2., 17.30 Uhr.

Gluri-Suter-Huus Wettingen (mit einer Privatsammlung aus dem Aargau), 24.2.– 7.4. Vernissage: So 24.2., 11 Uhr.

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