Der zweigeschossige Bau mit der Nummer 14 drückt sich in die Häuserzeile einer schmalen Gasse in der Nähe des St. Galler Bahnhofs. Die Fassade ist fleckig. Fifty shades of Schlammgrau. Bröckelnder Verputz, Verfärbungen im Mauerwerk. Eigentlich ein trauriges Bild. Aber irgendwie so absurd verlottert, dass es schon fast wieder komisch wirkt. Und bei genauem Hingucken findet man da auch Schönheit: die frisch gestrichenen Fenster- und Türeinfassungen in kräftigem Dunkelgrün. Die roten Fensterläden. Kurzum: Das Haus löst in etwa denselben diffusen Gefühlsmix aus, wie Manuel Stahlbergers neues Album «Kristalltunnel». Trauriglustigschön. Meistens alles gleichzeitig.

Manuel Stahlberger - Willkomme in Sunetal

Manuel Stahlberger - Willkomme in Sunetal

Die weinrote Holztür der Nummer 14 schwingt nach innen auf, Stahlberger sagt «Hallo» und tritt zur Seite. Und mit einem Schritt steht man mitten in seinem Atelier. Dunkelblaue Wände, ein alter Radiator, ein schmales Holzregal mit abgepackten Manuel-Stahlberger-CDs. «Ich hatte gefürchtet, dass ich den ganzen Raum mit Lager-Regalen vollstellen muss. Aber eines reichte bisher». Das ist Stahlbergers Art zu sagen: läuft ziemlich gut momentan. Die CDs verkaufen sich.

Das «TV-Experiment»

Manuel Stahlberger ist anders als die meisten, die sich in der Sparte «Humor» in der Schweiz so rumtreiben. Ein Leisetreter in einer Szene voller Lautsprecher. Richtig gepasst hat er nie, in die Schublade der Berufslustigen und Profi-Witzigen. Klar gibt es da den satirischen Stahlberger, der auf Kleinkunstbühnen stoisch mit der Hilfe eines Beamers und eigenen Zeichnungen die Welt erklärt. 2009 hat er den Salzburger Stier gewonnen, den Oscar für Kleinkunst im deutschsprachigen Raum. Es ist derselbe Stahlberger, der in der neuen SRF-Late-Night-Show «Deville» als Sidekick agiert. Da ist er mit seiner staubtrockenen Art ein interessanter Kontrapunkt zum hyper-hibbeligen Moderator Dominic Deville. «Ein Experiment» nennt es Stahlberger. Ausgang: unklar. Doch eigentlich ist er der Satire längst entschwebt. Und zu einem Songwriter geworden. Er sagt: «Früher waren die Songs mehr Füllelement für die Bühne. Heute ist das anders.» Schon vor diesem Solo-Album hat er mit seiner Band «Stahlberger» regelmässig hymnische Lobpreisungen vom Feuilleton eingefahren. Jetzt setzt er seinen musikalischen Weg mit einem Solo-Album fort, das sich musikalisch eng an den Sound von «Stahlberger» anlehnt und viele elektronische Einflüsse aufweist. Er sagt über sein Album: «Ich hab die neue Scheibe ein paar Mal durchgehört. Sie funktioniert.»

Manuel Stahlberger - Leaving Eggersriet

Manuel Stahlberger - Leaving Eggersriet

Song Nr. 6 ab dem neuen Soloalbum "Innerorts" von Manuel Stahlberger. Release 31. August 2012.

Wenn Stahlberger im Titelsong «Kristalltunnel» mit der Metapher der Bergwanderung einen Bogen von Geburt bis Tod schlägt, von «am Afang isches flach / am Afang isches eifach» über «s’goht ufe wird schräg, verzwigige, umwäg» bis «di schwere Berge chömed z’letscht», dann funktioniert das nicht nur, dann kommt einem auch wenig Vergleichbares in diesem Land in den Sinn. Vielleicht noch Mani Matter. Der Name fällt immer wieder im Zusammenhang mit Stahlberger. Nicht nur, weil Stahlberger auf der Tribute-Scheibe «Und so blybt no sys Lied» auch einen Song interpretiert und Matter als «Initialzündung» bezeichnet. Nein, es gibt noch mehr Parallelen.

Manuel Stahlberger - Mir schaded de Wirtschaft

Manuel Stahlberger - Mir schaded de Wirtschaft

Song Nr. 10 ab dem neuen Soloalbum "Innerorts" von Manuel Stahlberger. Release: 31. August 2012.

Beide schaffen mit ihren Liedern Miniaturen, die sich wie ein Mosaik zu einem Bild zusammenfügen, in dem man die Schweiz präzise erkennt. Stahlberger ist ein präziser Beobachter. Er sagt: «Ich sammle Bilder.» Die schreibt er sich in Notizbücher und dort lagern sie manchmal jahrelang. Bis er sie wieder ausgräbt, in seinem Atelier mit den dunkelblauen Wänden. Daraus entstehen dann Songs wie «Familiefehri in Schwede» oder «Bad Gastein», die immer eine Spur trauriger als lustig sind und wie Filme funktionieren. «Es geht in meinen Liedern um einfache Dinge, die irgendwie kippen. Spannung zwischen Realität und Sehnsucht», sagt Stahlberger. In den drei bis fünfminütigen Songs entstehen ganze Welten, bevölkert von Menschen, an denen das Leben vorbeizieht oder längst vorbeigezogen ist und Spuren hinterlassen hat. So wie an diesem verwitterten Haus mit der Nummer 14.

Manuel Stahlberger «Kristalltunnel», Irascible Music.

Am 24. und 25. September tritt Manuel Stahlberger mit seinem Programm «Neues aus dem Kopf» im ThiK in Baden auf.