Manche brauchen die einsame Insel oder den sprichwörtlichen Tapetenwechsel, um sich zu Höchstleistungen zu stimulieren. In Basel genügt es, ins «neue Kunstmuseum» im Sankt-Alban-Tal zu reisen und aufzutanken. Bernhard Mendes Bürgi macht dies möglich. Er und sein Team haben in den vergangenen zwei Wochen das Museum vom Sankt-Alban-Graben an den Rhein transferiert und zeigen uns eine Ausstellung, welche aus den altbekannten Meisterwerken das Kunst-Highlight des Jahres macht, das Paul Gauguin in Riehen locker in den Schatten stellt.

Eine visuelle Offenbarung

Bekannte Kunstwerke in neuen Räumen und neuen Zusammenhängen zu zeigen, dieses einfache Konzept, ist immer reizvoll. Und auch ohne die Werke aus der Sammlung Staechelin hat Basel eine exquisite Sammlung, die Menschen aus der ganzen Welt anzieht. Klar waren die Werke aus der bekannten Privatsammlung das Pünktchen auf dem i. Vielleicht ist ja auch Rudolf Staechelin und seine Familie von der neuen Ausstellung im Museum für Gegenwartskunst begeistert und entscheidet sich zu einer grosszügigen Schenkung als Dank für eine Jahrzehnte dauernde, wunderbare Kooperation und einen Direktor, der uns «blinden» Baslern ganz neue Zusammenhänge aufzeigt. Schon der Beginn der Ausstellung wirkt wie eine Epiphanie: An der einen Wand der «Jockey blessé» von Edgar Degas und daneben der Urwald von Henri Rousseau. Gegenüber die vier, neu im Museumsbesitz, Varianten der Verkündigung nach Tizian von Gerhard Richter. Auffällig, wie die Farben bei Richter und Rousseau in einen Dialog treten.

Der Direktor als Revoluzzer

Die vier Bilder von Richter hängen übrigens in einer Reihe und werden flankiert von zwei Gemälden, die im selben Jahr, 1968, entstanden sind: Ein zweiteiliges Bild von Blinky Palermo und das «Reiherbild III» von Sigmar Polke, Bilder, wie sie für ein Revoltenjahr nicht unterschiedlicher sein könnten. Auch im Museum für Gegenwartskunst (MGK) geht es progressiv zu und her. Der Direktor hängt den Revoluzzer raus und wir rennen hinterher. Die «Marie» von Amadeo Modigliani hängt neben einer federleichten «Nature morte au Calvaire» von André Derain, Pablo Picassos «Le poète» führt ein Zwiegespräch mit zwei kubistischen Gemälden von Georges Braque und Fernand Léger und in der einen Ecke, ist keine Fettecke von Joseph Beuys zu sehen, er hat seine eigene Ausstellung einen Stock höher, dafür der Viehhändler von Marc Chagall, flankiert von «Improvisation 35» von Wassily Kandinsky und den «Zwei Katzen, blau und gelb» von Franz Marc. Nicht weit davon entfernt ist das Selbstporträt von Paula Modersohn-Becker und die «Amselfluh» von Ernst Ludwig Kirchner zu sehen. Eigentlich eine Frühlingsecke mit Amsel- und Mausepfiff, und wiederum eine farbliche Konkordanz in Rot-, Rosa- und Blautönen. Es ist aber auch eine Bilder-Ecke wie sie der legendäre Galerist und Verleger Herwarth Walden in seiner «Sturm»-Galerie in Berlin hätte zeigen können, er hatte diese heutigen Klassiker in seinem Programm.

Ein Jungbrunnen der edlen Sorte

Doch es geht weiter, wir sind noch lange nicht am Ende. Pablo Picassos blaugraue «Femme couchée sur un divan» neben Maria Lassnigs «Böse und gut» zu zeigen, ist Poesie pur und derart dynamisch, dass man glaubt, die schlafende Frau bewege sich in ihren Träumen. Ähnlich Lucio Fontanas blaues «Concetto Spaziale, Attese», das neben der «Annette (Nu debout)» von Alberto Giacometti hängt. Gegenüber hängt die Ismus-Gruppe: Expressionismus, Surrealismus, Dadaismus. Yves Tanguy zwischen Henri Matisse und Georges Vantongerloo und Paul Klee flankiert von Joan Miró. In der «Villa R» wird nicht der Aufstand erprobt, sondern wie die Initiale verrät, Rotwein getrunken. Auf das «Bretzeli» von Hans Arp, gemeint ist natürlich der blank polierte «Ptolémée III», und andere Skulpturen hat Bürgi verzichtet. Schliesslich zeigt er die Plastiken im Erweiterungsbau ab dem 19. April 2016 in «Sculpture on the Move». Die Impressionisten, Arnold Böcklin und Félix Vallotton, übrigens an einer Wand – wie frisch das wirkt! –, und Ferdinand Hodler bilden im Altbau den besinnlichen Teil der Ausstellung. So neu war das neue, alte Museum noch nie: geschwängert mit Vibrationen, Verwandtschaften und Parallelen. Es ist ein Jungbrunnen der edelsten Sorte. Rennt, Basler, das ganze Jahr über, denn Ernst ist das Leben, heiter die Kunst.