Kunst
Ein Künstler versöhnt Ost und West – ironisch und liebevoll

Navid Sadrosadat Tschopp inszeniert im Kunstraum Baden sein Leben zwischen den Kulturen. Die Beziehung Iran-Schweiz hat ihren ästhetischen Reiz.

Sabine Altorfer
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Der Kunstraum Baden hat ein orientalisches Gepräge erhalten. Doch die Ornamente an den Fenstern zum Hof sind nur auf Zeit.

Der Kunstraum Baden hat ein orientalisches Gepräge erhalten. Doch die Ornamente an den Fenstern zum Hof sind nur auf Zeit.

Rolf Bismarck

Der Kunstraum ist von aussen in ein orientalisches Kleid gehüllt. Die Fensterfront gegen den Hof ziert ein ornamentales Muster. Von innen aber sieht man: Das ist nur temporär, das Fenstermuster ist aus Papierstreifen, ist nur auf Zeit geklebt. Aber die Stimmung im Raum prägt es dennoch. Angenehm.

Das Fenster ist Teil der raumfüllenden Installation von Navid Sadrosadat Tschopp. Seine Wurzeln in zwei Kulturen, in der iranischen wie der schweizerischen, nimmt der Künstler als Ausgangspunkt. Sein Interesse an unterschiedlichen Bildern, an Differenzen und Ähnlichkeiten der Ästhetik ist der Antrieb für die Ausstellung; seine Biografie der Leitfaden.

Was staubtrocken und kopflastig klingt, ist eine muntere und ideenreiche Collage, bringt liebevoll Gegensätze und Verbindendes zusammen. Mit einer guten Prise Melancholie, einer Plastikkanne voller Ironie – aber das blaue Tränenfläschchen einer persischen Märchenprinzessin steht leer da.

Als Auftakt steckt Navid Tschopp sein familiäres Umfeld ab: Hier versammelt er Bilder, die sein iranischer Vater und seine Schweizer Mutter, sowie die Verwandten seiner Schweizer Lebenspartnerin gemalt haben. Eine Stelle ist noch leer. «Kind 24. Februar» steht als Bildlegende. «Ich werde Vater», sagt Tschopp, «der 24. Februar ist der errechnete Geburtstermin. Wenn das Kind dann da ist, werde ich etwas von ihm, vielleicht einen Fussabdruck hinhängen.» Er selber ist als Embryo dokumentiert: als Röntgenbild im Bauch seiner Mutter.

Krieg und Familie

Und dann: ein achteckiges Ornament als Blumenrabatte, doch die Ränder sind aus Schutt gebaut, Fotos von zerbombten oder zerschossenen Häusern hängen an der Rückwand, und an der anderen Wand surreale Bilder, die an HR Giger erinnern. «Das sind Gemälde meines Vaters, der in westlicher Kunst ausgebildet wurde und sie nach Iran mitgenommen hat», erklärt Tschopp. Mehran Sadrosadat ist dort angesehen, hat eine Kunstprofessur. «Und ich, ich beschäftige mich hier wieder mit iranischen Traditionen.»

Er erzählt seine Biografie – und gibt zum Glück auch Nachhilfe in iranischer Geschichte. Navids Vater sollte auf Geheiss des Grossvaters in Rom Zahnarzt studieren. Doch er studierte Kunst und lernte Navids Mutter, eine Schweizerin, kennen. Navid Sadrosadat Tschopp ist 1978 in Maschhad geboren, 1979 brach die iranische Revolution aus, Ayatollah Khomeini kam an die Macht und der blutige, mehrjährige iranisch-irakische Krieg erschütterte das Land. Davon zeugen die Fotos der zerschossenen Häuser. «Die roten Tulpen erinnern an ein kitschiges und blutrünstiges Revolutionslied», sagt Tschopp. Ihn interessierten die ästhetischen Reaktionen auf schreckliche Ereignisse, seien sie poetisch, pathetisch oder kitschig.

Die Kriegsbilder und die Gemälde seines Vaters prägten seine Kindheit. Als er neun war, kehrte die Mutter mit ihm in die Schweiz zurück. «Künstler werden wie mein Vater wollte ich nie.» Nach einer Lehre als Hochbauzeichner ging er doch an die Zürcher Hochschule der Künste und schloss 2010 ab.

Matterhorn auf persisch

Ein Lieblingssujet seines Vaters ist das Matterhorn, damit halte er quasi Verbindung zur Schweiz und zu ihm, erzählt Tschopp. Er selber hat zu den beiden Gemälden des Vaters eine eigene Version beigesteuert: ein naturalistisches Gemälde mit ornamentalen Wölklein, «wie sie in persischen Miniaturen vorkommen». Und die Weisse Kanne mit den Mustern? Tschopp lacht. Es ist eine billige Plastik-Giesskanne, in der Form den traditionellen Kupferkannen nachempfunden und von ihm mit schwarzen Mustern und Figuren aus der Epoche der Achämeniden bemalt. Eine ebenso ironische Idee, aber auf die westliche Kunstgeschichte ist sein Schwarzes Quadrat. Natürlich zitiere er Malewitsch, «aber es ist die Kaba von Mekka, den weissen Rahmen bilden Pilger».

Zum Schluss sehen wir vier mal sieben kleine Bilderrahmen. Viele sind leer, auf einigen Blättern hat Tschopp eine Banane, Zigaretten, ein Glas Wein oder ein Spiegelei gemalt. «Es ist mein Ramadan-Tagebuch», erklärt er. «Ich wollte mal einen Fastenmonat ausprobieren. Es war schwierig und immer wenn ich gesündigt habe, habe ich zur Strafe meine Sünde gemalt.» Und er fügt lachend an: «Manchmal habe ich gesündigt, damit ich etwas zu malen hatte.»

Aus Navid Sadrosadat Tschopp spricht kein zwischen den Kulturen Verlorener. Sondern ein Künstler, der aus den Gegensätzen einen ganzen Bilderkosmos zaubern kann. Er ist einer der Künstler, der zwei Welten kennt, beiden mit gleich viel Empathie wie Ironie begegnet – und der in sich wie in seinem Werk Ost und West versöhnt.

Navid Sadrosadat Tschopp Kunstraum Baden. Bis 1. Mai.

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