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Ein krachendes Kunst-Gewitter

epa02299083 Magdalena Fernandez from Venezuela poses in front of her video installation '2iPM009', during the exhibition  'complete concrete', in Zurich, Switzerland, 24 August 2010. 'Complete concrete' is an exhibition on the 100-year development of constructivist, concrete and conceptual art and its effects on the present, with numerous key works from the in-house collection, first-class loaned works and fascinating individual presentations on historically relevant artists as well as young artists.  EPA/ALESSANDRO DELLA BELLA

Ein krachendes Kunst-Gewitter

epa02299083 Magdalena Fernandez from Venezuela poses in front of her video installation '2iPM009', during the exhibition 'complete concrete', in Zurich, Switzerland, 24 August 2010. 'Complete concrete' is an exhibition on the 100-year development of constructivist, concrete and conceptual art and its effects on the present, with numerous key works from the in-house collection, first-class loaned works and fascinating individual presentations on historically relevant artists as well as young artists. EPA/ALESSANDRO DELLA BELLA

Die Ausstellung «ganz konkret» im Haus Konstruktiv in Zürich zeigt die Entwicklung der konstruktiven, konkreten und konzeptuellen Kunst der letzten 100 Jahre.

Karl Wüst, SFD

Das Haus Konstruktiv begibt sich auf die Spurensuche der – allgemein formuliert – «reduktionistischen Kunst», der es sich ganz besonders verpflichtet fühlt. Wo liegen denn die Wurzeln dieser Kunst, wann ist das erste Werk mit konstruktivistisch geprägtem Bildverständnis geschaffen worden und vom wem? Darüber streiten sich die Geister. Selbst die Überväter der Zürcher Konkreten, Max Bill (1908–1994) und Richard Paul Lohse (1902–1988), sind sich nicht einig.

Während Lohse schon 1903, in den geometrisch angelegten Pastellen Augusto Giacomettis nämlich, die Anfänge der konkreten Kunst ausmacht, setzt in den Augen Bills die Entwicklung erst 1910 mit einem Aquarell von Wassily Kandinsky ein. Bill nennt es denn auch das «première œuvre concrète» und stellt es 1960 im Zürcher Helmhaus in den Mittelpunkt seiner Ausstellung «konkrete kunst – 50 jahre entwicklung». Das Haus Konstruktiv hält sich weise aus dem Streit heraus und beleuchtet die letzten 110 Jahre, wobei es auch der zeitgenössischen Kunst viel Raum gibt.

Das Unterfangen ist so gewaltig, dass es sich nicht mit einer Ausstellung allein bewerkstelligen lässt. Nötig geworden sind zwei Folgen, die im Ganzen bis 30. Januar 2011 dauern. Die Zäsur setzt das Museum am 10. November. Dann baut es die Ausstellung vom 1. bis 4. Stock thematisch vollständig um. Nur die «Zeitlinie» im Erdgeschoss mit Werken von 1900 bis 2010 bleibt erhalten.

Die erste Folge, sie dauert noch bis 31. Oktober, ist mit «Minimal-Maximal» übertitelt. Sie vereinigt neben der historischen «Zeitlinie» in der grossen Eingangshalle künstlerische Positionen vom russischen Konstruktivismus bis in die Gegenwart. Die «Zeitlinie» als chronologische Geschichtslektion bildet also das Fundament der Ausstellung. Sie beginnt links an der Wand bei den Wurzeln vor 110 Jahren und führt unter anderem über die Grundlagen der konkreten Malerei bis zum «Jetzt», den neuesten Tendenzen der konstruktiven Kunst.

Dieser Rundgang, der drei den Raum füllende epochale Werkkomplexe von Olaf Nicolai, Bill/Lohse und Sophie Taeuber-Arp umschliesst, bietet viel Lesestoff. Der Aufwand aber lohnt sich. Der Kuratorin und Direktorin des Museums, Dorothea Strauss, gelingt es damit, Kunstgeschichte für ein breites Publikum transparent und zugänglich zu machen.

Strauss hat sich zudem nicht nur auf den Text konzentriert. Sie garniert ihn mit zahlreichen jeweils passenden Abbildungen und hochkarätigen Originalkunstwerken aus der Sammlung des Museums.

Gut gewappnet kann man nun die weiteren Ausstellungen in den oberen Räumen besichtigen und trifft auf zwei zeitgenössische Einzelausstellungen, die nicht unterschiedlicher sein könnten. Während die 1964 in Venezuela geborene Magdalena Fernández mit ihrer erlebnisreichen Video- und Soundinstallation «2iPM009» (2009) ein krachendes Gewitter aus Punkten, Linien und Kreuzstrukturen erzeugt, verbreitet die 34-jährige Polin Natalia Stachon mit ihren minimalistischen und architektonischen Objekten «Matter Shifted» (2010) konzentrierte Stille.

Weiter gehts zur Gruppenausstellung «Systeme» mit Werken aus der eigenen Sammlung und Leihgaben, schliesslich im 4. Stock zu Ikonen der russischen Konstruktivisten und zu Arbeiten von Roy Newell (1914–2006), Charlotte Posenenske (1930–1985), Fred Sandback (1943–2003) und Andreas Christen (1936–2006).

Haus Konstruktiv Zürich. Erste Etappe bis 31. Oktober, zweite bis 30.
Januar 2011.

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