Stadt Bern
Ein heilloses Treiben auf der Alp

Der Basler Schauspielchef Elias Perrig inszeniert erstmals am Stadttheater Bern: Hansjörg Schneiders «Sennentuntschi».

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Sennentuntschi

Sennentuntschi

Schweiz am Sonntag

Roland Erne

Eigentlich war eine Uraufführung geplant. Im Auftrag des Stadttheaters Bern sollte Marianne Freidig ihren am Kurzstück-Spektakel 2008 präsentierten Stoff «Die Wilden» zu einem ausgewachsenen Stück weiter entwickeln. Thema: Ein unter wirtschaftlichem Druck touristisch hochgerüsteter Schweizer Wintersportort in der Krise als Folge des Klimawandels. Titel: «Neger im Schnee». Schauspielleitung und Dramaturgie konnten sich mit der aus der Lenk stammenden Dramatikerin aber nicht auf eine Spielfassung einigen.

Also wurde das Stück in Absprache mit der erprobten Theaterautorin («Top Kids») zu Spielzeitbeginn abgesetzt und durch eine ebenfalls in der Bergwelt angesiedelte Bühnenvorlage ersetzt: Hansjörg Schneiders «Sennentuntschi», 1972 am Schauspielhaus uraufgeführt und 1981 in einer am Schweizer Fernsehen gezeigten Inszenierung des Autors abermals skandalträchtig genug, um heftige Reaktionen in der Öffentlichkeit zu provozieren.

Derweil Michael Steiners anvisierte Kinoverfilmung bislang primär in Sachen Finanzierung Schlagzeilen lieferte, sorgt Schneiders einem Sagen-Motiv folgendes Stück am Stadttheater Bern für ein Novum: Regie führt der Basler Schauspielchef Elias Perrig, der uns von den Rängen der grossen Vidmarhalle in die von Bodennebel umwaberte Hütte der Älpler (Ausstattung: Beate Fassnacht) blicken lässt. Es ist, als verharre man im Publikum aus der Distanz in Lauerstellung, wenn nicht gar in voyeuristischer Absicht.

Dunkel ists draussen, wenn nicht gerade zuckende Blitze mächtiges Donnergrollen ablösen. Drinnen brennt Licht, das ein groteskes, mehr und mehr desaströses Geschehen erhellt. Einträchtig sitzen Senn Benedikt (Stefano Wenk), Zusenn Fridolin (Ernst C. Sigrist) und Mani (Sebastian Edtbauer), der Bub, zunächst an den Fenstern und frönen dem ritualisierten Gotteslob in repetitivem Singsang.

Die drei tun, was - neben Käsen, Misten und dergleichen - halt sein muss. Ebenso klar: Das Dasein auf der Alp nagt an ihnen. Alle drei haben sie ihre Frauen unten im Tal zurück gelassen. Ihr Drang aber bleibt. Fridolin jedenfalls vermag sich kaum im Zaum zu halten. Steht er abends in der Stube, fingert seine Hand auf Hosensackhöhe. Zudem spart er nicht mit verbalen Anzüglichkeiten, die den naiveren Bub verwirren.

Wer weibliche Reinheit beschwört, ist mit Fridolins Tanz-Abstecher womöglich schlecht bedient. Wie auch immer: Wortführer Fridolin schwadroniert, mischt Karten und säuft - ein ansteckendes Gewohnheitsrecht. Mit genug Schmiermittel aus der Flasche legen auch seine Jasskumpane ihre Zurückhaltung ab. Und flugs ist aus einer eilig bekleideten Mistgabel das in Reichweite, was Fridolin alsbald «Futzli» nennt.

Schlimmes ist zu erahnen, wenn das zu allem entschlossene Trio sich am Lustobjekt namens Maria zu schaffen macht, das mit gespreizten Schenkeln und an die Fenster geklatschten Armen in einer nicht näher einsehbaren Ecke der Hütte klebt. Perrig erspart sich indes peinliche Drastik. Sein Alp-Personal verzieht sich nach hinten - ab auf die Matratze. Die Männer aber haben die Sache längst nicht mehr im Griff.

Das «Sennentuntschi» (Milva Stark) spricht zu ihnen mit schnarrend monotoner Automatenstimme - und hat nie genug. Nackt torkeln ihre Opfer durch die Hütte, klammern sich mit irrem Gesichtausdruck an den Fenstersims und schwafeln von der erlösenden Rückkehr. Daraus wird wohl nichts. Im letzten Bild hat der Bub den grausam vitalen Tuntsch im Genick, ehe es auf der Bühne zappenduster wird.

Perrigs Berner Inszenierung enthüllt das gespenstische Potenzial von Schneiders mit deutlicher Dialekt-Färbung gespieltem Bühnentext mit einer unverhüllten Direktheit, die nicht in plumpe Aufdringlichkeit kippt. Selbst seine sorgsame Regiearbeit mit einem agilen Ensemble kann einen bleibenden Eindruck freilich nicht verscheuchen: Das Zusehen bereitet weit mehr Mühe als das Zuhören, das allein eigene Bilder genug evoziert.