Schengen, dieser abstrakte Rechtsraum, der in Europa grenzenloses Reisen möglich macht, ist ein Fluch für alle, die er ausschliesst – und ein Segen für diejenigen, die sich in ihm frei bewegen dürfen. In der Gessnerallee Zürich ist er zunächst ein weltläufiger Dancefloor mit DJ Viktor Marek, dem Chef des kultigen Hamburger Golden Pudel Clubs, hinter den Turntables.

Die Schweizer Regisseurin, Schauspielerin und Autorin Laura de Weck, selbst Grenzgängerin zwischen Hamburg und Zürich, hat sich schon seit ein paar Jahren von den einfach-genialen Dialogen ihrer «Lieblingsmenschen» entfernt, mit denen sie 2005 die Schweizer Theaterszene so verzauberte. Verloren hat sie ihr Gespür für die Sprachmelodien einfacher Gespräche deshalb nicht. Als Regisseurin bringt sie auf der Bühne neuerdings auch Musiker ins Spiel, die ihre rhythmischen Texte herausfordern. So auch in «Espace Schengen», wo de Weck die Sprache als gnadenloses Mittel der Ausgrenzung entlarvt.

Zu Beginn scheint diese Bühnensprache noch barrierefrei zu sein. Das Schauspielduo Anna König und Christian Bayer sitzt in poppigen Ausgehklamotten neben DJ Viktor Marek an einem länglichen schwarzen Tisch und switcht vom unbeholfenen Schweizerdeutsch deutscher Einwanderer ins verstümmelte Denglisch und zurück. Dem vierten Ausländer im Bunde, Sänger Bill Saliou aus Guinea, verweigern die Schengen-Spielregeln die Einreise in die Schweiz. Als Videobild von aussen zugeschaltet, umgeht er frech das Verbot.

Sterbetouristen, Diktatorenkinder

Das Sampling, die Wiederverwertung bekannter Tonfolgen, ist gewöhnlich ein reines DJ-Ding. De Weck hat dieses Prinzip auf ihren Text übertragen, und sogar einen Dialog aus ihrem Stück «SumSum» (2008) recycelt, in dem eine Internetliebe an der Sprachbarriere zerschellt. Zum Grossteil ist «Espace Schengen» aber eine Collage aus Rechtstexten, Protokollen und Lexikoneinträgen geworden, die umständlich die Grenzen zwischen der Schweiz, dem Schengen-Raum und dem restlichen Ausland definieren.

Treffsicher hat de Weck das technokratische Beamten-Kauderwelsch durchdekliniert. Mit absurden Folgen. Etwa, wenn König und Bayer die Schweizer Einfuhrbestimmungen verlesen und Sterbetouristen und Diktatorenkinder mit toten Muscheln in eine Reihe stellen.

Mit Humor, ihrer grossen Stärke, arbeitet sich Laura de Weck am Amtsdeutsch ab. Die nackten Zahlen der Ausländerstatistik werden – gesprochen oder gesungen – zur Lachnummer, die «Sans Papiers» zu hoch qualifizierten Illegalen, «die unsere Wohnungen putzen». Was an klaren Definitionen übrig bleibt, reisst Mareks pulsierender Elektrobeat ein, unter dem russische Kalinka, Guineisches und Schweizer Volkslied in denselben Harmonien schwingen. Marek, der im Stück auch als Schauspieler auftritt, ist der beeindruckende Zeremonienmeister des Abends. Er verstärkt und verzerrt Lieder- und Wortfetzen und montiert sie an Stellen, wo man sie noch nie gehört an.

Diskolicht statt Warnlampe

Aber auch Anna König und Christian Bayer tragen zu dieser lustvollen Sinnverschiebung bei. Parolen aus dem linken wie rechten Politlager, die sie als Ausländer vereinnahmen wollen, zitieren sie im Musicalstil; die Angst vor Überfremdung verpacken sie in eine künstliche Panik, zu der anstelle von Warnlampen Diskolichter blinken: «Achtung, Show!»

Das ist vergnüglich, auf die Dauer für dieses komplexe Thema aber ein eintöniger Zugang, der nicht ausreicht, um das Publikum eine Stunde bei Laune zu halten. Am stärksten ist das Stück dort, wo sich de Weck auf ihr Kerngeschäft konzentriert: Die Dialoge, in deren Pausen sich die Menschen der Sprachgrenzen schmerzlich bewusst werden – und die Grenzen von Sprache offenbar.

Espace Schengen von Laura de Weck in der Gessnerallee Zürich. Spieldaten: Heute Abend, 20 Uhr; So, 29. September, 18 Uhr.