Schauspielhaus Zürich

Ein grauenvolles Theater

Szene aus «Die 120 Tage von Sodom».

Szene aus «Die 120 Tage von Sodom».

Milo Rau kommt in «Die 120 Tage von Sodom» der Pro-Life-Bewegung gefährlich nah.

Wenn man dieses Stück grauenvoll findet und zwei Stunden lang in jedem Moment hofft, jemand möge einen da herausholen, bedeutet das dann in diesem Fall, dass das Stück gelungen ist?

Denn auch dessen Vorlage ist grauenvoll, will und muss es sein: Milo Rau inszeniert im Schiffbau Pier Paolo Pasolinis «Die 120 Tage von Sodom». Der Film aus dem Jahr 1975 gilt bis heute als einer der brutalsten der Filmgeschichte. Auf einer allegorischen Ebene zeigt Pasolini die totale Entmenschlichung des Individuums durch den Faschismus. Doch auf der unmittelbaren Ebene zeigt er sehr konkret, wie vier ältere Herren eine Gruppe junger Menschen quälen, vergewaltigen, foltern, töten. Bilder wie das Hochzeitsmahl, bei dem die Gefangenen mit Scheisse gefüttert werden, oder die nackten Menschen an Hundeleinen haben sich ins filmhistorische Gedächtnis eingebrannt.

Milo Rau lässt nun diese ganze Palette an Obszönitäten und Brutalitäten durchdeklinieren, reinszenieren. Und zwar von Schauspielern der Theatergruppe Hora, also von behinderten Menschen. Einer von ihnen gibt den Regisseur (Remo Beuggert), die zehn weiteren spielen die im Film zu Objekten degradierten Opfer. Derweil die ältere, männliche Garde des Schauspielhauses (Robert Hunger-Bühler, Michael Neuenschwander und Matthias Neukirch) die faschistoiden, perversen Täter spielt.

Die Grundidee ist nicht neu

So was gibt natürlich immer zu reden. Die daraus resultierende Debatte darüber, was man darf, ist aber längst nicht mehr neu – diese Grenze hat bereits Jérôme Bels Hora-Stück «Disabled Theatre» ausgelotet, aber auch etwa das Theater Tikwa. Die impliziten Themen Machtgefälle, Voyeurismus, Projektionen und unseren selten normalen Zugang zu behinderten Menschen schwangen schon immer mit.

Rau stellt die Körper der behinderten Schauspieler allerdings noch offensiver zur Schau. Wir sehen (fast) vollständig nackte Menschen mit Trisomie 21 eine Sexszene nachstellen. Wir sehen sie alle ihre nackten Hintern in eine Handkamera emporrecken, die alles gross auf einer Leinwand projiziert. Wir sehen, wie ein klein gewachsener behinderter Mann von einem älteren Schauspieler (Hungerbühler) gebeten wird, ihm in den Mund zu pissen.

Das alles und mehr ist schier unerträglich. Da hilft es auch nicht, dass diese Szenen mehrfach gebrochen werden. Wie früher im Kindertheater, als uns zur Beruhigung erklärt wurde, dass hier nicht etwa Blut spritze, sondern Ketchup, betonen die Schauspielhaus-Schauspieler ständig, dass sie spielen, wie sie spielen und was das gerade mit ihnen macht. Doch umso mehr zieht sich dadurch Szene um Szene qualvoll in die Länge, wird schwer und zäh.

Moralische Botschaft

Pasolini und vor ihm Marquis de Sade zeigten durch und durch böse Menschen in einer gottlosen, sinnlosen Welt. Schnörkellos und trocken. Milo Rau dagegen zeigt durch und durch liebenswerte Menschen, die das Böse spielen. Mit viel Schnörkel: zusätzlichen Ebenen, Zitaten, Themen. Man sehnt sich zurück nach der starken Einfachheit seiner Europa-Trilogie.

Und wozu das alles? Das konnte man sich schon bei Pasolini fragen. Und nun wieder, erst recht: Wozu das alles noch mal im Theater? Milo Rau tut, wovor Künstler sich normalerweise hüten: Er gibt eine explizite, moralische Antwort auf diese Frage. Seine Inszenierung prangert an, dass unsere Leistungs-Gesellschaft behinderte Menschen nicht mehr zulasse. Gerade auch Menschen mit
Down Syndrom werden vor ihrer Geburt wegselektioniert, abgetrieben. «Neun von zehn», heisst es. Ein Fakt, der nachdenklich stimmen muss, sicher.

Doch Milo Rau kommt nun wieder mit einem Nazivergleich, behauptet, diese stille Praxis sei schlimmer als die Euthanasie der Nazizeit. Und plötzlich mündet der gross angelegte Stoff in einer engen Sackgasse, in eine populistische, undifferenzierte Anti-Abtreibungs-Botschaft, gefährlich nahe bei jener von Pro-Life. Krude setzt Rau Menschen mit Embryonen oder gar geteilten Zellen in einem Reagenzglas gleich; jegliche pränatale Diagnostik mit Abtreibungen bis kurz vor der Geburt. Die Botschaft lautet: Schaut, Zuschauer, seht ihr diese wunderbaren Menschen und Schauspieler, sie werden heutzutage getötet! Das letzte Bild: Hora-Superstar Julia Häusermann am Kreuz. Grauenvoll.

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