Theater Basel

Ein fiebriges Theaterfest in kalter Hölle

Regisseur Ulrich Rasche bringt am Theater Basel «Woyzeck» zum Schweben – bis zur Pause

Was soll der Mensch mit der ungeheuren Zeit anfangen? Regisseur Ulrich Rasche macht ein Angebot: Er und das einmal mehr fantastisch aufspielende Basler Ensemble verwandeln Georg Büchners dünnes Textfragment «Woyzeck» in einen dreistündigen Theaterabend.

Rasche hat dafür eine seiner spektakulären Bühnenmaschinen entworfen, sozusagen die Drehbühne aller Drehbühnen. Seine schwarze Scheibe kreist gnadenlos um die eigene Mitte. Das eiserne Ungetüm, auf das sie montiert ist, dreht sich wiederum um die eigene Achse, hebt und senkt sich. Ein düsteres Maschinenwesen aus einem Jahrmarkt der anderen Art. Zweifellos die Hauptrolle des Abends.

Silbe für Silbe für Silbe

Auf dieser immer schiefen Ebene, die die Welt bedeutet, vollzieht sich das Schicksal des armen Woyzeck, gespielt von Nicola Mastroberardino. Sein Kostüm und das aller anderen: uniform schwarz, und doch individuell im Detail, wie aus einer düsteren Graphic-Novel. Dazu kaltes Licht, wenig Nebel: Fertig ist Woyzecks Hölle.

Rasche und die Komponistin Monika Roscher haben Text und Musik sekundengenau durchgetaktet. Repetitiv und treibend untermalt die fünfköpfige Band die Sprache. Wobei wir bei der zweiten Hauptrolle der Inszenierung sind.

Der «Spra-che, die ü-ber wei-te Strek-ken Sil-be für Sil-be» gesprochen wird. Das mal als Chor, mal im Duett, mal Solo auftretende Ensemble lässt jedes Wort im Gaumen zergehen, legt es auf die Zunge, als ob es sich um einen Kurs im deutlich Sprechen handle.

Ein befremdender Verfremdungseffekt, den Rasche noch verstärkt. Die Schauspieler sprechen ausschliesslich Richtung Publikum, während ihre Beine drei Stunden lang damit beschäftigt sind, der Kreisbewegung der Maschine entgegenzulaufen. Gehen und sprechen, gehen und sprechen; das ist die Spielvorlage.

Ein Parforceritt, bei dem sich die kleinste Ungenauigkeit rächt. Diese tapferen Textsoldaten könnten einem beinahe leidtun, wie sie sich Szene für Szene durch den Text deklamieren und auf dieser Schicksalsmaschine abmühen.

Das Ufo fliegt

Regisseur Rasche gewährt der Wirkung seines Gesamtkunstwerks Zeit. Und siehe da, nach einer Weile der Eingewöhnung hebt dieses Theater-Ufo ab. Das übersteigerte, fiebrige, stellenweise hysterische Pathos, welches das Ensemble in die Sprache legt, beginnt zu greifen. Es ist, als ob einem Büchners Text zum ersten Mal zu Ohren kommt. Wie in einem bösen Traum spricht hier unvermittelt die absurde Grausamkeit dieses Stücks.

Wie hoffnungslos Marie und Woyzeck aneinander vorbeireden, wie fies der Doktor und der Hauptmann Woyzeck demütigen, wie gnaden- und sinnlos er und Marie zu Opfern werden. Kalt sei diese Hölle, in der selbst die Seelen nach Branntwein riechen. Der Mensch ein derartiger Abgrund, dass man sich wünschte, Gott würde die «Sonne ausblasen».

Aber just in dem Moment, in dem die Theatermaschine heiss läuft, ist Pause. Die Theaterregel fordert diese nach zwei Stunden. Nennen wir sie hier die «Prostata-Regel».
Die wieder angeworfene Maschine kommt in der letzten Stunde leider nicht mehr auf die Flughöhe, die sie vorher hatte. Für Spektakel ist zwar gesorgt. Etwa wenn sich die Weltenscheibe aufrichtet und Woyzeck und Marie an Sicherheitsgurten an der Steilwand ihrer gescheiterten Liebe hängen. Schon beinah im Musical wähnt man sich, wenn der tragische Held in einem Strahlenkranz aus Licht des Mordes an seiner Liebsten überführt wird. Das ist dann doch etwas gar viel Maschinenzauber für diesen armen Menschen Woyzeck.

"Woyzeck": Bis 29. Oktober. www.theaterbasel.ch

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