Open Airs

«Ein Festival braucht eine Seele» – hohe Ticketpreise, aber wo sind die grossen Stars geblieben?

Das Heitere Ope Air in Zofingen ist als einziges der renommierten Schweizer Open Airs schon ausverkauft. OLIVER GUTFLEISCH/Keystone

Das Heitere Ope Air in Zofingen ist als einziges der renommierten Schweizer Open Airs schon ausverkauft. OLIVER GUTFLEISCH/Keystone

Mit Montreux hat nun auch das letzte grosse Festival sein Programm bekannt gegeben. Big Names sucht man dieses Jahr auf der Schweizer Festivalkarte vergebens. Dafür gibt es (fast) überall noch Tickets.

Die Zeiten ändern sich. Vor wenigen Jahren hätte eine solche Geschichte über Festivals Mitte April wenig Sinn gemacht: Es hätte schlicht und einfach keine Tickets mehr gegeben. Die grossen Open Airs waren Selbstläufer und oft innert kurzer Zeit ausverkauft. 2019 scheint sich der gegenteilige Trend zu bestätigen: Keines der grossen Festivals ist ausverkauft. Sogar für das sonst immer sofort ausverkaufte Paléo in Nyon kann man für einzelne Tage noch Tickets kaufen.

In Christoph Bills Brust schlagen derzeit zwei Herzen. Er ist Geschäftsführer des – ausverkauften – Heitere Open Air und Präsident des Branchenverbands der Konzert- und Festivalveranstalter SMPA. Was macht das Heitere besser als die anderen? Bill winkt ab: «Ich möchte auch nicht 30'000 Tickets verkaufen müssen.»

Das Heitere Open Air in Zofingen ist mit 12'000 Besuchern pro Tag je nach Leseart das Grösste der Kleinen oder das Kleinste der Grossen. «Ein Festival braucht Seele», sagt Bill, «und eine konsequente Linie. Ohne Alleinstellungsmerkmale wird es im gesättigten Markt schwierig.»

Festivals als «Prestigeobjekt»

Von einem gesättigten Markt spricht man seit zirka fünf Jahren, die grosse Explosion ist trotzdem ausgeblieben. Bill sieht den Grund darin, dass man mit Festivals, anders als mit Hallen- und Stadionkonzerten, noch Geld verdienen könne: «Bei Festivals arbeiten wir mit Festgagen, bei Einzelkonzerten sind die grossen Künstler prozentual beteiligt – bei einem garantierten hohen Minimum.» Anders formuliert: Die Veranstalter tragen das volle Risiko, läuft das Konzert aber, so profitiert vor allem der Künstler.

Gleichzeitig vermutet Bill, dass einige Schweizer Festivals am Schluss eher rote als schwarze Zahlen schreiben: «Ohne Fremdgeld und Sponsoren könnte man das nicht mehr machen.» Es gäbe durchaus potente Unternehmen und Privatpersonen, die Festivals als eine Art Prestigeobjekt sähen und denen finanzielle Verluste egal seien. Bill nennt sie nicht, gemeint sind beispielsweise das Zermatt Unplugged oder das Zürich Open Air.

Mittlerweile mischen auch im Schweizer Markt die internationalen Player kräftig mit. Dem Konzertgiganten Live Nation gehört das Open Air Frauenfeld wie auch die Bookingagentur Mainland Music. «Das Monopoly läuft weiter», ist sich Bill sicher, «da werden immer Gespräche geführt». Auch der zweite grosse Player, CTS Eventim, hat wohl Interesse, sein Netzwerk in der Schweiz noch weiter auszubauen.

Kein Eminem im Line-up

Der harte Verdrängungskampf führt zu höheren Gagen. Höhere Gagen führen – verbunden mit Kostensteigerungen in vielen anderen Bereichen – zu höheren Ticketpreisen. Rund ein Drittel teurer sind die Open-Air-Tickets in den letzten zehn Jahren geworden, rechnete SRF im letzten Sommer nach. Höhere Ticketpreise bezahlen die Leute aber nur dann, wenn sie auch etwas dafür geboten kriegen.

Gleichzeitig bemerkt man, dass es dieses Jahr keine ganz grossen Namen in den Festival- Line-ups gibt – Rammstein etwa spielen lieber ein Stadionkonzert in Bern. Etwas in der Liga eines Eminem, der 2018 in Frauenfeld spielte, sucht man vergebens. «Um einen fehlenden Headliner zu kompensieren, braucht man zwei bis drei Mid-Size-Bands», sagt Bill. Und da alle Festivals diese Mid-Size-Bands brauchen, gehen auch deren Gage ständig nach oben.

Was also tun, wenn das Geschäftsmodell nicht mehr funktioniert? Am spannendsten ist der Versuch am Open Air St. Gallen. Nachdem man im letzten Jahr mit Depeche Mode am Publikum vorbeiprogrammiert hat, versucht man es dieses Jahr mit einem recht abenteuerlichen Mix: Da spielen Die Ärzte neben Cloud Rapper wie Yung Hurn und Rin, und dazwischen wird noch Comedy geboten.

Viele Festivals versuchen ein Stück vom Hip-Hop-Kuchen zu bekommen. Keine andere Livemusik boomt derart – während die Rockmusik schwächelt. Dummerweise haben die Hip-Hop-Fans mit dem Open Air Frauenfeld und dem Royal Arena bereits hre (ebenfalls noch nicht ausverkauften) Festivals.

Tickets werden früher gekauft

Urteilt man nach den Reaktionen auf Social Media, vergrault man mehr Stammpublikum, indem man Trends nacheifert, als dass man Leute dazugewinnen würde. Bill rät denn auch, bei seiner Linie zu bleiben: «Die meisten Festivals sind gut positioniert in ihrem Segment. Aktivismus hilft da selten.»

Christoph Bill wehrt sich gegen den Festival-Pessimismus und betont, dass man noch sehr früh im Festivalsommer stehe. Er geht davon aus, dass viele Festivals ihre Gelände doch noch komplett füllen können. «Wenn am Schluss 1000 Personen pro Tag fehlen, ist dies bei Festivals mit 25'000 oder mehr Besuchern nur ein kleiner Prozentsatz.»

Bill weiss aber auch, dass die Tickets heutzutage eigentlich immer früher gekauft werden – kurzfristige Konzertbesuche werden immer seltener. Und er weiss auch, dass 1000 fehlende Besucher zwar nur ein sehr geringer Prozentsatz sind, aber am Ende eben genau oft in diesem Bereich die Gewinnzone eines Festivals liegt. Irgendwann wird der gesättigte Markt wohl seine ersten Opfer fressen.

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