Gäbe es in der Literatur einen XXL-Big-Mac, dann wäre Tom Wolfes neuer Roman einer. Das Buch ist 750 Seiten dick, hat Volumen hoch zwei, aber Nährstoffe gegen Null - wenn man einmal von den paar Handvoll Fachausdrücken absieht, die der Autor zwischen die fluffigen Schichten Teig mogelt wie Alibi-Salatblätter, um zu zeigen «hey Leute, ich hab's total drauf» - und zwischen all dem trieft viel, viel Käse.

Heisse Themen, coole Story

Dabei wären die Zutaten zu «Back to Blood» alles andere als fad. Das Buch kreist um die Themen Rassenkonflikte im 21. Jahrhundert, Geltungssucht in sämtlichen Gesellschaftsschichten, die Macht des Geldes oder Sex im Zeitalter des Porno. Dazu gibt der Autor gepfefferte Einsichten in den Kunstmarkt und die Medien von Miami.

Auch die Story, in die Tom Wolfe seine Themen einflicht, ist cool: Nestor Camacho, ein kubanischer Cop holt unter Einsatz seines Lebens einen ebenfalls kubanischen Flüchtling von einem Schiffsmast herunter - und spaltet damit Miami in zwei Lager: Für die «americanos» ist er ein Held, für die «cubanos» ein Verräter, da er mit der Aktion das Asyl des Flüchtlings verhindert. Um diesen Kern gruppiert Wolfe nun Figuren, die von dem Vorfall betroffen sind: den schwarzen Polizeichef Cy Booker, der sich mutig hinter den Cop stellt, Nestor Camachos Freundin Magdalena, die den sozialen Aufstieg durch das Bett ihres Chefs in Angriff nehmen will, Magdalenas geltungshungrigen Chef, einen Psychiater für Pornosüchtige sowie als ernüchternd mickrige Obrigkeiten einen opportunistischen kubanischstämmigen Bürgermeister und einen ebenso opportunistischen weissen Chefredaktor.

Die Tonlage ist «KLATSCH - HOCK»

Schon die erste Kapitelüberschrift macht allerdings klar, in welcher Tonart das Buch spielt: Wir sind jetzt in MII-AH-MII, verkündet der Titel nicht eben dezent. Einen ähnlichen Tonfall schlägt auch die Story an. Hier dürfen Boote nämlich nicht mit den einfachen Mitteln der Sprache über ein Gewässer fahren: «KLATSCH das Patrouillenboot hüpft in der Bucht in die Luft schlägt KLATSCH auf der nächsten Woge wieder auf, hüpft wieder hoch, schlägt KLATSCH auf der nächsten Woge auf KLATSCH und hüpft mit Sirenengeheul KLATSCH in die Luft.»

Neben den Booten lässt Tom Wolfe sogar sein Personal in den zweifelhaften Genuss eines lautmalerischen Profils kommen: «Das hochherrschaftliche Gesicht von Mia-miii ii ii ii iiaahhahAHHHH - keuch - hat einen Achttausend-Dollar-Massanzug an, er musste mir unbedingt das Etikett zeigennnnnnahhahhaHAHH hock hock hock hock...» lässt Wolfe den Psychiater über seinen steinreichen Patienten wettern, grunzen und ächzen.

Im Fegefeuer der Eitelkeiten

Und selbst wenn einem manchmal etwas flau wird, ob all diesem Literaturketchup, was dem Leser wirklich den Hals zuschnürt, ist die Haltung von Wolfes Erzähler. Dieser flucht, lässt rassistische Bemerkungen fallen, und keinen sexuellen Seitenhieb aus - getönt wohl durch die Perspektive der Romanfiguren, aber ist das Rechtfertigung genug? So werden «Hurenarsch» und «Hurenhintern» zur gängigen Bezeichnung weiblicher Hinterteile, «Scheisse» und «Bastard» gehören zum gemeinen Vokabular. Mit Sarkasmus heftet der Erzähler sich den Figuren an die Fersen, zeigt mit borniertem Blick ihre Schwächen, jedoch nur selten ihre Stärken. Und spätestens da stösst einem Wolfes XXL-Big-Mac ziemlich schal auf.

Dass man tapfer weiter schluckt, hat weniger mit der dann und wann aufscheinenden psychologischen Beobachtungsgabe des Autors zu tun als mit seiner Vergangenheit: Immerhin revolutionierte Tom Wolfe in den 1960-er Jahren den Journalismus. Er gilt nicht nur als Kunstkenner, sondern seit seinem Kultroman «Fegefeuer der Eitelkeiten» auch als einer der Big Names der US-Literatur. Und für Leute, die «big» sind, scheint eben auch «think big» zu gelten. Kein Wunder, ist Tom Wolfes dick und laut geworden. Aber vielleicht ist der Autor mit knapp 82 Jahren schlicht und einfach selbst im Fegefeuer der Eitelkeiten gelandet.

Tom Wolfe Back to Blood. Übersetzt von Wolfgang Müller. Blessing 2013, 767 S., Fr. 39.90