Politiker-Serie (1/20)

Ein Buch, das mich geprägt hat – Anita Fetz: «Mit komischer Widerstandskraft»

Anita Fetz.

Anita Fetz.

Zum Auftakt der neuen Serie stellt SP-Ständerätin Anita Fetz den Roman «Tyll» von Daniel Kehlmann vor.

Am Schluss steht die Winterkönigin, die ja alles mitverursacht hat, in einer kalten Winternacht und streckt die Zunge raus. Aber nur weil es dunkel ist und es so niemand sehen kann. Der erzählerische Sog des Schelmenromans, der im Dreissigjährigen Krieg des 17. Jahrhunderts spielt, ist brillant und wuchtig. Gespannt folge ich als Leserin dem Autor mitten ins pralle Leben der damaligen Zeit und erlebe die Grausamkeiten des europäischen Glaubenskrieges mit, der die Seelen und Köpfe fast aller Figuren traumatisiert. Dazu lässt Kehlmann die an sich mittelalterliche Gauklerfigur des Tyll Eulenspiegels wieder auferstehen, denn tot war er nie, die Menschen des 17. Jahrhunderts kennen und erwarten ihn noch überall in den Dörfern.

Tyll wird als Sohn eines Müllers in einem kleinen Dorf geboren. Sein Vater beschäftigt sich auch mit Zaubersprüchen und Naturexperimenten. Viele im Dorf halten ihn darum für einen Magier. Und dann geschieht, was zu jener Zeit an vielen Orten inszeniert wurde: die brutale Folterung des Vaters durch die katholische Geistlichkeit, die alle, die nicht nach ihrer Pfeife tanzten, ausgrenzen oder gar umbringen. Ziel dieser gnadenlosen Inquisition ist die Durchsetzung der Macht über die Menschen und deren Gedanken. Wer etwas werden will in diesem geschlossenen klerikalen Männer-System, muss zeigen, wie brutal er für ‹seinen Glauben› eintreten kann. Automatisch kommen mir als Leserin die zigtausendfachen Missbrauchsopfer der katholischen Kirche im sogenannt aufgeklärten 20. und 21. Jahrhundert in den Sinn.

Bunt, temporeich, gescheit

Tyll muss fliehen und schliesst sich als Lehrling einer Gruppe von Fahrenden an. Auf der Reise durch das verstörte Land entwickelt er sich zum Gaukler, Jongleur, Narr und Provokateur, der bald auch an den Höfen jener Fürsten auftaucht, die das grosse Gemetzel immer wieder neu und in anderen Allianzen anfachen. Dabei geht es um vieles, aber kaum um den Glauben – wie so oft in sogenannten Religionskriegen. Es sind Dutzende von Geschichten, die mir Kehlmann in seinem grossartigen Panorama einer schrecklichen Zeit erzählt. Ein Menschenleben zählt nichts. Wenn nicht gerade Krieg ist, dann sterben die Menschen an Hunger oder Seuchen. Die Söldnerarmeen durchstreifen Europa ohne Versorgung, auf der Suche nach der nächsten Schlacht. Das heisst, sie fallen wie Heuschrecken über die Dörfer her. Sie plündern, vergewaltigen und raffen weg, was sie tragen können.

Schriftsteller Daniel Kehlmann.

Schriftsteller Daniel Kehlmann.

Für die alte Eidgenossenschaft und ihr Söldnerexportwesen war das eine lukrative Zeit. Medizinische Versorgung gibt es noch nicht. Und das alte Heilkräuterwissen von weisen Frauen wird von der Kirche als Hexerei bekämpft. Es ist der erste Krieg, in dem von allen Seiten mit breiter Propaganda und Hetze via Flugschriften operiert wird. Gutenbergs Erfindung der Druckerpresse eignet sich hervorragend, um alle gegen alle aufzuhetzen. Der Aberglaube und die Teufelsangst der kleinen Leute erlauben den Hetzschriften viel Einfluss. Auch da denke ich unwillkürlich an die Hasstiraden und Fake News im Internet von heute.

Kehlmanns Roman fesselt mich, weil er ein fantastisches Geschichtspanorama bietet. Bunt, temporeich, packend, gescheit und – trotz traurigem Hintergrund – oft witzig. Tyll ist als Figur der leidende Mensch, der jedoch mit aller Kraft, mit Witz, Dreistigkeit und als Freigeist versucht, dem Schicksal ein Schnippchen zu schlagen. Er verkörpert «den Schutzheiligen der komischen Widerstandskraft», wie Kehlmann es nennt.

Am Schluss steht die Winterkönigin Elisabeth Stuart, die in Prag mit ihrem böhmischen Mann Pfalzgraf Friedrich V. den Krieg ausgelöst hat, erschöpft und müde in der Winternacht – auch sie hat alles verloren. Europa ist zerstört und gibt sich mit dem Westfälischen Friedensschluss eine neue Ordnung. Das Leben geht weiter – bis zum nächsten grossen Krieg in Europa.

Daniel Kehlmann: Tyll (2017).

Daniel Kehlmann: Tyll (2017).

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