«Ein Anlass ohne Trauerfeier-Charakter»

Erinnerung an den 4. September 1963 Denkmal an der Dürrenäscher Absturzstelle. (Bild: Toni Widmer)

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Erinnerung an den 4. September 1963 Denkmal an der Dürrenäscher Absturzstelle. (Bild: Toni Widmer)

Auf den Tag genau 46 Jahre nach dem Absturz der Swissair-Caravelle am Dorfrand von Dürrenäsch wird morgen Freitag in der Turnhalle das Buch «S.O.S. in Dürrenäsch» präsentiert.

Fritz Thut

Das Buch, das subtil die traumatischen Folgen des Flugzeugabsturzes vom 4. September 1963 anhand von Zitaten von Direktbeteiligten und Angehörigen verarbeitet und so selbst zum eindrücklichen Zeitdokument geworden ist, verdankt die Welt einem Informationsabend in Dürrenäsch am Freitag, 30. November 2007.

Emotionen traten hervor

Damals orientierte die Dokumentarfilmerin Lotty Wohlwend an einer von der Kommission Kultur in Dürrenäsch (KiD) organisierten Veranstaltung über ihre Dreharbeiten für den Film «S.O.S. in Dürrenäsch». KiD-Präsident Hermann Graser mag sich noch gut an die spezielle Stimmung an diesem Anlass erinnern.

«Dieser Abend löste unter Mitgliedern der Dorfgemeinschaft grosse Diskussionen aus», so Graser. Emotionen, die über Jahre bewusst oder unbewusst unterdrückt wurden, kamen durch den äusseren Auslöser an die Oberfläche. Und der Filmerin wurde hier bewusst, dass am Absturzort ebenso viele Gefühle nicht verarbeitet sind wie in Humlikon, der kleinen Zürcher Gemeinde mit den meisten Opfern unter den Passagieren.

Die Gespräche mit Betroffenen sprengten alsbald den Rahmen eines Dokumentarfilms. Die Idee zu einem Buch bestand zwar schon vorher, doch jene Publikumsorientierung verschob die Perspektiven gewaltig: «Geändert hat sich nach diesem Abend alles», so Autorin Wohlwend gestern zur AZ: «Der Film wurde zurückgestellt, das Drehbuch komplett neu geschrieben, das Buchprojekt in Vordergrund gestellt und auch hier ein völlig neuer Weg eingeschlagen.»

Seit diesem Sommer ist das Werk mit 248 Seiten und 220 Abbildungen in den Buchhandlungen erhältlich. Und die Autorin hat schon viele direkte Reaktionen erhalten: «Viele Leser berichten, sie hätten das Buch in einem Zug durchgelesen. Oft fallen dann die Begriffe ‹aufgewühlt› und ‹erschüttert›.»

Viele Leser erlebten bei Lektüre, das vor 46 Jahren Geschehene erneut: «Ich fühle mich wie damals, ohnmächtig, traurig, hilflos, orientierungslos. ... So traurig auch alles ist, ganz grosses Kompliment zum Buch», zitiert Wohlwend eine Reaktion.

Delegation aus Humlikon

Morgen Freitag erfolgt die offizielle Buch-Präsentation in der Dürrenäscher Turnhalle. «Es soll ein Anlass ohne Trauerfeier-Charakter werden», so Graser, der die Begrüssung vornehmen wird. Anschliessend sprechen Gemeindeammann Hansjörg Hintermann und Heinz Vogt, der Gemeindepräsident von Humlikon, von wo eine grössere Delegation angekündigt ist. Sabine und Sven Bachmann umrahmen den Anlass musikalisch.

Die Autorin stellt ihr Buch vor und zeigt Filmdokumente. Zusammen mit dem Schauspieler Christoph Hürsch liest sie Passagen aus dem Buch. Für Lotty Wohlwend ist der morgige Anlass «nicht einfach nur eine Buchvernissage, es ist ein Gedenkabend an ein Unglück». Sie ist überzeugt: «Es wird ein Abend der Emotionen werden: In welche Richtung diese gehen werden, weiss ich nicht. Ich werde da sein, präsent sein, vieles wird sich ergeben.»

Sie selbst «werde an diesem Abend auch Abschied nehmen»: «Abschied von einem Stück Geschichte, das mich vier Jahre lang begleitet und tief bewegt hat.» Der Anlass soll dem ernsthaften Hintergrund Rechnung tragen. KiD-Präsident Hermann Graser: «Es gibt viele Wunden, die noch nicht vernarbt sind. Aber darin wollen wir nicht wühlen.»

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