Längst haben wir uns an diesen Vorgang gewöhnt: Eine Kulturpolitik macht die Vorgaben und das Theater reagiert darauf. Seit ich am Theater arbeite, ein bekannter Vorgang. Nie gab es mehr Gelder, nie das Zugeständnis einer grösseren Freiheit. Wie denn auch? Theater ist und bleibt ein Unglücksfall, zumindest für eine Kulturpolitik.

Als das erste Holztheater im antiken Athen auf dem Marktplatz einstürzte, verbannte man es auf den steinernen und schrägen Akropolis-Hang. Mit zwei reglementierenden Zugängen. Dann wurde es überdacht und zu einem kontrollierbaren Ganzen abgeschlossen. Man nahm ihm im wahrsten Sinne des Wortes das Licht. Später hat man es direkt an die Fürstenhöfe angebunden. Bis heute an eine alles regulierende Politik.

Theater rettet sich stets selber

Aber – und das ist das Merkwürdige: Theater scheint unkaputtbar! Das ist keine Drohung, sondern eher eine Feststellung, nicht nur beruhigend. Denn, wie lange geht das gut? Und: Warum macht Theater das mit? Warum bügeln wir immer nur aus – und (noch schlimmer!) tun so, als würde es nie weniger werden, als hätten wir immer noch alle Freiheit der Welt? Wir sind selber schuld, wenn wir uns immer wieder selbst retten und nie ein anderer.

Dabei war gerade 2012 das Jahr der «Rettung»: Vor allem wirtschaftlich wurde alles gerettet, Währungen, Banken, ganze Länder. Dass heutzutage eher eine Bank statt Kultur gerettet wird, kein Thema mehr. Da geht es an unsere Grundgefühle von eigener Sicherheit und eigenem Überleben. Aber warum eigentlich? Nachvollziehbar ist das in keiner Weise. Wann haben gerade in letzter Zeit Banken garantieren können, dass sie vertrauensvoll mit politischen Investitionen umgehen? Warum überhaupt noch Gelder in kranke Länder investieren, wenn man von vornherein weiss, dass der grösste Teil davon in ein marodes Bankensystem fliesst? Wird uns eine Bank denn jemals retten?

Alles eine Bestandesaufnahme: nichts Neues. Wir haben uns als Kulturschaffende im Theater längst daran gewöhnt, dass Rettung woanders stattfindet. Also retten wir uns weiter selbst – und halten dies noch für einen kreativen Ansporn.

Wenig Geld, hohe Massstäbe

Nur eine Ungerechtigkeit bleibt, und die ist signifikant in einer Diskussion über Kulturpolitik: Bei immer weniger Geld und grösserer Reglementierung von aussen sind die Massstäbe, nach denen wir künstlerisch in der Arbeit beurteilt werden, doch stets die gleichen. Sobald es irgendwo – und sei es prozentual noch so gering – einen Einbruch in unseren Bilanzen gibt, sind allein wir schuld. (Das unterscheidet uns dann doch von den Banken.)

Warum rettet man uns nicht mehr, wenn wir selbst doch ständig retten? Eben nicht nur uns selbst, sondern gerade unser Publikum, Eltern, Lehrer, Schüler etc., mit all denen wir im Theater gemeinsam über das Leben nachdenken wollen, damit keiner von uns jemals unrettbar verloren geht?

Zu schnelle Urteile

Aus der eigenen Sicht heraus: Es ist schon interessant, wie wenig diejenigen, die über unsere Arbeit urteilen, unsere Vorstellungen besuchen. Und das betrifft nicht nur Kulturpolitiker, sondern in gleicher Weise Chefredaktoren oder Journalisten, die als Meinungsmacher politisch unterwegs sind. Schnell haben sie alle ihr Urteil gefällt, immer unter der Vorgabe, dass man im schlimmsten Fall auf uns ganz verzichten kann.

Aber zum Glück gilt: Wir sind unkaputtbar! In unserem Kulturkreis seit mehr als 2500 Jahren. (Siehe oben!). Wir machen in gleicher Weise provokant wie lustvoll weiter! Das mag zwar manchen heute wie früher suspekt erscheinen und hat gerade deshalb zu Einschränkungen geführt, hat aber viel mit Demokratie oder überhaupt einem demokratischen Gewissen zu tun.

Darum ein Wunsch für 2013: Beurteilt uns doch immer bitte in einer richtigen Verhältnismässigkeit – am besten in genau der, in der wir, seit es uns gibt, unsere Arbeit tun. Wir schreien gar nicht immer nur nach noch mehr Geldern, wir gehen stattdessen äusserst kreativ um mit dem, was da ist und was man uns gibt. Das ist im subventionierten Stadttheater natürlich mehr als in der freien Szene. Aber es geht in beiden Bereichen immer stärker an die Grenzen des noch Leistbaren.

Eine Politik muss aufpassen, dass wir in diesem Zusammenhang noch attraktiv bleiben für ein Publikum. Immer nur auszubessern und sich mühsam über Wasser zu halten, steigert nicht gerade das eigene Image. Um auf den Anfang zurückzukommen: Warum machen wir trotzdem immer weiter? Gute Frage.

Idealismus statt Bilanzen

Wir leben eben in erster Linie von unseren Idealen und Ideen, weniger von Bilanzen, von roten oder schwarzen Zahlen. Unsere Ergebnisse sind Auseinandersetzungen, die ständig wechseln, aber immer aktuell sind, nie gefälscht und vor allem: sichtbar. Wir stellen uns gern, brauchen dazu aber auch die Menschen, die sich uns stellen. Im Sinne einer richtigen Einschätzung dessen, was wir gerade leisten und was vielleicht eigentlich gar nicht mehr richtig leistbar ist.

*Martin Wigger, studierter Altertumswissenschafter, dann ausgebildet zum Dramaturgen. Zu seinen Arbeitsstationen gehören München, Tübingen, Dresden und Jena. Seit 2009 ist Martin Wigger Chefdramaturg am Theater Basel, seit 2012 in der Funktion des Co-Schauspielleiters.