«Ich sass im Korbstuhl …», hebt die Vorbemerkung von Christian Hallers Buch an. Was es mit der Sitzgelegenheit auf sich hat, von der aus eine gedanklich-imaginative Reise veranstaltet wird, bekommt der Leser eher beiläufig mit. Der Korbstuhl ist ein Erbstück, das der Autor seit seiner Kindheit liebt. Er steht auf der Veranda über dem Fluss, der «unablässig strömt».

Den Hinweis, dass ein Fluss unablässig strömt, mag man als redundante Homerische Floskel empfinden. Er erinnert Hallers Leser aber auch daran, dass dieser Fluss, namentlich der Rhein, seinem Haus vor ein paar Jahren die Veranda abgerissen und das Fundament aufgeweicht hatte. Der Vorfall hatte Haller finanziell in die Bredouille gebracht und, zusammen mit der Erschütterung einer persönlichen Beziehung, auch in eine Krise existenzieller Natur geschwemmt.

Bekanntlich machte Haller diese Krise produktiv, indem er sie zum Anstoss und Motiv für einen dreiteiligen autobiografischen Roman nahm, dessen letzter Teil noch aussteht. Prosaisch, akribisch und chronologisch ist er in diesen Bänden um eine sinnhafte Auslegung der eigenen Biografie bemüht, indem er die Strategien, Ängste, Ambitionen und Einflüsse aus einem windungsreichen Schriftstellerleben darlegt.

Nun, pünktlich zu seinem 75. Geburtstag am 28. Februar, überrascht Haller mit etwas nur vordergründig ganz anderem. In einem phantastischen Epos lässt er die stilistischen Zügel fahren und gibt sich der totalen Dekonstruktion seiner Existenz hin – wenn auch nur in imaginativer Weise. Der Erzähler gibt sich zu Beginn aufgeschreckt, verloren und entfremdet von seiner Welt. «vertrieben bin ich auch aus dieser Welt auf der ich lebe / doch nicht mehr in ihr» – als nur noch äusserlich auf der Welt, doch nicht mehr in ihr verwurzelt empfindet er sich. Sein Leben mit all seinen Gewissheiten und Zurechtlegungen liegt in Trümmern, und sein Selbst ist in eine «schattendunkle Gegend» gestossen.

Im Höllentrichter

Dieses Dunkel ist der Anfang einer surrealen Reise durchs Jenseits, die an Dantes «Göttliche Komödie» anknüpft. Wie einst Dante von Vergil, dem Dichter der «Aeneis», wird Haller von Dante an der Hand genommen und den Höllentrichter hinuntergeführt. Zugleich, oder tatsächlich, führt die Reise durch die eigenen Gehirnwindungen und durch das fraglich gewordene Selbst und dessen Voraussetzungen historischer, kultureller und wissenschaftlicher Natur.

Haller hat sichtlichen Spass, sich mit Anspielungen auf Mythen und Kosmologie der Antike der «Überreste [s]einer Bildung» zu versichern und einen hohen epischen Ton anzuschlagen. Anstatt Dantes Terza Rima oder antike Hexameter nachzubilden, wählt er den jambischen Pentameter, den er jedoch in einer allzu rigiden Regelmässigkeit durchzieht. So entsteht ein salbungsvoller und durch unglückliche Wortstellung zuweilen hölzerner Ausdruck. «Dort traf ich Beatrice die mich führte / anstelle von Vergil zu höheren Sphären», lässt er etwa Dante berichten.

Ergiebigere Gesprächspartner findet der Held dieses Epos indessen in Figuren, die auf die eine oder andere Weise als Repräsentanten seiner selbst erscheinen. Wie in der Logik des Traums sieht er sich etwa zunächst selbst als alten Mann, der durch ein Binokular auf ihn schaut, und erkennt dann die Züge des Manns plötzlich nicht mehr wieder, der da auf ihn einredet. Später empfängt ihn ein fremder Herr in Tweed-Jackett und Knickerbockers, der ihn durch die Kirchenmalerei der Renaissance und allerlei verwandte Dinge führt und ihm kunsthistorische Vorträge hält – wie sie der Vater auf einer Florenz-Reise seinem Sohn dereinst gehalten hatte.

Ein Sprung ins Ungewisse

Als sich der Ich-Sprecher allmählich gegen das überbordende kulturgeschichtliche Lehrgedicht zu wehren beginnt, beginnt ihn der Fremde bei seiner Familiengeschichte zu packen. Die Väter und Vorväter steigen aus ihren Daguerreotypien und rechtfertigen sich – als Revolutionäre, als Industrielle, als Bürger. Wer ist der Tweed-Mann, fragt sich der Epiker im Korbstuhl? «Ein Fremder? Jedoch auch ich selbst, der redete, auch wenn ich es nicht wollte.»

Nach dieser grüblerischen Selbstanalyse nimmt die Jenseitsreise noch einmal fulminant und phantastisch Fahrt an. Es geht den Höllentrichter hinab, an dessen Ende das Paradies, aber auch der totale Absturz kommen könnte. Ein mutiger «sprung ins ungewisse» bringt weder das eine noch das andere. Es ist ein Erlebnis von totaler Auflösung, in Elementarteilchen im physikalischen Sinn und in ein Meer von Möglichkeiten im existenziellen Sinn.

Die Moral von der Geschichte kommt schliesslich in einem etwas zähen Selbstgespräch daher, das kaum mehr episch anmutet: Die Suche nach der eigenen kulturellen, biografischen, physikalischen Wirklichkeit gerät zur Reise in die Unendlichkeit der Potenzialitäten. Die jetzige Existenz ist nur die eine verwirklichte unter unendlich vielen Möglichkeiten. Die eigene Welt muss durch ständige Interpretation geschaffen und erhalten werden. Oder wie es der Fremde im Tweed formuliert, der anscheinend über Hallers Immobiliendesaster im Bild ist, «ohne aufmerksamkeit wird ein haus zur ruine».

Christian Haller «Reise im Korbstuhl. Ein Epos», Wolfbach-Verlag. 136 Seiten. Buchpremiere und Geburtstagsfeier am 28. 2., 19.30 Uhr im Künstlerhaus Boswil.