Wären sie bereit, Anne Franks Tagebuch zu illustrieren? «Nein, auf gar keinen Fall!» lautete die unmittelbare Antwort von Regisseur Ari Folman und Illustrator David Polonsky auf die Anfrage des Anne Frank Fonds. In ihren Augen gab es bereits viel zu viele Erzeugnisse davon: Theaterstücke, Schulhefte, Filme, Comics. Die Aufgabe, es neu zu machen und dem Buch gerecht zu werden, schien ihnen schwer.

Und doch begannen die beiden Künstler, die im Jahr 2009 den ebenso brillanten wie verstörenden Trickfilm «Waltz with Bashir» über den Libanonkrieg produziert hatten, bald darauf mit der Arbeit am «Graphic Diary». Der Prozess dauerte Jahre und war für sie – so die beiden Künstler – mehr eine Berufung, «a mission», als ein Job. Ari Folman hat zu dem Stoff einen unmittelbar persönlichen Bezug: Seine Eltern waren Überlebende von Auschwitz.

Grosse Fähigkeit, Nähe zu schaffen

Dass die Künstler in einem ersten Schritt das Tagebuch wieder und wieder gelesen hatten, glaubt man ihnen aufs Wort. Die Zeichnungen sind behutsam, liebevoll und präzis: Sofort ist man ganz nahe an diesem 13-jährigen Mädchen, das in einem Versteck in Amsterdam in einer schrecklichen Zeit unter schwierigsten Bedingungen zu einer jungen Frau wird. Polonsky unterstreicht durch seine Art zu zeichnen, Annes Fähigkeit, Nähe zu schaffen.

Ihre Nähe ist einer der vielen Gründe, warum Anne Frank so viele Menschen bewegt hat. Ihre Aufrichtigkeit sich selber gegenüber und ihr Vertrauen in ihr Tagebuch Kitty, später auch ihr Vertrauen in ihre potentielle zukünftige Leserschaft. Schliesslich hat Anne Frank ihr Tagebuch für eine mögliche Leserschaft lektoriert, nachdem sie im Radio gehört hatte, dass schriftliche Zeugnisse dieser Zeit später der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt werden sollen.

Semirealistischer Zeichnungsstil

Zu dieser Authentizität passt der semi-realistische Zeichnungsstil. Nicht nur Gesichtszüge sind identifizierbar, auch das Wesen der Menschen wird erkennbar, etwa die Güte von Annes Schwester Margot. Regisseur Ari Folman hätte keinen zärtlicheren Zeichner finden können als seinen langjährigen Kollegen, den Art Director David Polonsky. «Unsere Figuren sind Menschen, keine Cartoonfiguren» sagt er. «Alle Personen haben tatsächlich gelebt.»

Die Helfer der Versteckten rund um Miep und Jan Gies sowie Jo Kugler werden ebenso plastisch wie die Eltern ihres Schwarmes Peters, deren Marotten Anne witzig und ohne Zurückhaltung beschreibt. Wie brillant Annes Beobachtungsgabe und analytische Schärfe war, wird in den verschiedenen Tischszenen deutlich.

Ein Beitrag gegen das Vergessen

Anne Frank war Teenager, Tochter, Jüdin, Verfolgte, Schriftstellerin, Schwester, Philosophin, Romantikerin. Eine Schwierigkeit der künstlerischen Auseinandersetzung mit ihr ist es, durch die Gewichtung eines Aspektes nicht die andern zu vernachlässigen. So kam es im Verlaufe der Jahrzehnte im Umgang mit dem Tagebuchtext auch zu Inszenierungen und Editionen, die sie auf ihren «coming of Age»- Prozess reduzierten.

Klar, die Auseinandersetzungen mit dem eigenen Körper, Streit mit der Mutter und die bewegenden Gedanken zur Verliebtheit sind universell und sprechen daher viele Menschen an. Die Bedingungen, unter denen Anne Frank lebte, und dass sie mit 15 1/2 Jahren im KZ Bergen-Belsen sterben musste, sollten aber nicht in den Hintergrund rücken. Eine Zielgruppe des «graphic diary» sind denn auch die jugendlichen Leser, die wenig über den Holocaust wissen.

Dass das Buch für Erwachsene weniger interessant ist, sei damit aber in keiner Weise gesagt. Als kleine Cousine des Kinos bietet sich die Kunstform der Graphic Novel für film-ähnliches Erzählen geradezu an. Folman beherrscht die Dramaturgie, Polonsky die Gestaltung des Lichtes, die Farbgebung und das Spiel mit Zitaten aus der Film- und Kunstgeschichte.

Fantasie- und Traumszenen

So sehen wir beispielsweise in der fantasievollen Ausgestaltung von Annes Gedanken sie selbst in Edward Munchs «Der Schrei» oder folgen ihr und Peter in eine Unterwasserszene aus dem Filmklassiker Titanic. Der klare Strich, die oft konventionelle Aufteilung des Blattes, die zurückhaltende Farbgebung lenken nicht davon ab, wie tiefsinnig originell die Ideen und die Umsetzung sind. Folman und Polonsky haben sich dabei von Annes Humor leiten lassen.

Annes Phasen der Depression und der Verzweiflung haben sie durch Fantasie- und Traumszenen illustriert. Besonders philosophische Passagen wurden in längeren Stücken ohne Illustration abgedruckt. Ihr Ziel sei vielleicht eine Art Hommage gewesen, sagen die beiden bescheiden. Eine Hommage ist es auf jeden Fall. Und ein Beitrag gegen das Vergessen. Wer das Tagebuch der Anne Frank bereits gelesen hat, wird es unbedingt in dieser Form wieder lesen wollen. Wer es noch nicht kennt, findet durch dieses illustrierte Tagebuch einen sehr direkten Zugang.