Afrika-Ausstellung
Dunkle Kolonialgeschichte

In den Basler Afrika Bibliographien ist die Ausstellung «what we see» eröffnet worden. Es werden Tonaufnahmen von Hans Lichtenecker präsentiert, der 1931 in Namibia anthropometrische Untersuchungen durchgeführt hat.

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Basler Afrika Bibliographien

Basler Afrika Bibliographien

bz Basellandschaftliche Zeitung

Ralph Tharayil

An den Wänden der Räume der Basler Afrika Bibliographien am Klosterberg sind weisse Tafeln mit Kommentaren in nüchterner Schrift angebracht. Die Worte auf den Tafeln sind jedoch wütend. «We were put into abuse again, we are put back in the can», heisst es in grossen, blauen Lettern auf der Wand. So und ähnlich klingen die Aussagen von fünf Nigerianern, die vom deutschen Künstler Hans Lichtenecker 1931 für anthropologische Messungen Modell stehen mussten.

Die Ausstellung «what we see», die bis zum 26.September dauert, will sich kritisch mit der Sammlung von Lichtenecker auseinandersetzen. Der deutsche Künstler fertige 1931 in Namibia Gesichtsabdrücke von Afrikanern und Arikanerinnen an, machte Tonaufnahmen und führte anthropologische Messungen an ihnen durch.

Dem Objekt eine Stimme geben

Die schwarzen Kopfhörer, über die man die Tondokumente hören kann, dichten ab. Man registriert keine Geräusche mehr ausser der leisen, dumpfen Stimme, die in afrikanischer Sprache erzählt, wie es war. Nichts mehr sehen und nichts mehr hören konnte der Betroffene, und erst als die Maske von seinem Kopf gestreift wurde, konnte er wieder atmen, lautet der Begleittext an der Wand.

Die Tonaufnahmen wurden auf Wachswalzen aufgenommen und im Berliner Phonogramm-Archiv abgelegt, wo sie digitalisiert wurden. Die Audioberichte von Lichteneckers «Modellen» sind ehrlich und dramatisch. Sie lassen Individuen zu Wort kommen, die in einem Prozess der Objektivierung vergessen worden sind.

Die Stimmen erfüllen nicht mehr nur einen anthropometrischen Zweck, sondern haben eine Hörerschaft. Die Menschen werden von wissenschaftlichen Objekten zu lebenden Subjekten.

Ein neuer Zugang

«Ich bin per Zufall über die Aufnahmen gestossen, als ich für ein anderes Projekt im Phonogramm-Archiv recherchiert habe», sagt Anette Hoffmann, Afrikanistin und Kuratorin der Ausstellung. Hoffmann forschte zur Sammlung Lichtenecker zwei Jahre als Postdoctoral Fellow am Centre for Humanities Research in Kapstadt, wo die Ausstellung bereits gezeigt wurde.

«Ich möchte den Leuten einen anderen Zugang zu dieser, eigentlich theoretisch-anthropologischen Materie bieten», sagt sie, darauf angesprochen, was denn die Motivation für dieses Projekt sei.

«Die Basler haben das Projekt von Anfang an unterstützt», sagt Hoffmann bestimmt. In Deutschland wäre eine Ausstellung, laut Hoffmann, schwieriger zu realisieren, da manche Museen selbst ähnliche anthropologische Archive angelegt haben. «Eine historische Episode kann auf verrschiedene Weise (wieder) erzählt werden», heisst es auf einer Wand.

So sind es nicht die toten Gesichtsabdrücke, die Lichtenecker gemacht hat, welche die Geschichte erzählen, sondern die Stimmen aus den Kopfhörern. Vergessene Worte werden wiederbelebt und so auch diejenigen, die gesprochen haben.

www.baslerafrika.ch

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