Martinskirche

Don Giovanni flirtet mit dem Publikum

Starsänger Erwin Schrott zwischen Charmeur und Bösewicht.

Starsänger Erwin Schrott zwischen Charmeur und Bösewicht.

Das Kammerorchester Basel begeisterte mit Mozarts Oper «Don Giovanni» und glänzenden Solisten.

«Es werden auch sehr viele Kosten durch mehrere Chöre und Dekorazion erfordert.» Dies liess sich einer Prager Zeitung nach der Uraufführung von Mozarts «Don Giovanni» im Herbst 1787 entnehmen. Die Oper hat es wahrlich in sich: Bereits in der ersten Szene ermordet der Schürzenjäger Don Giovanni den Vater der Donna Anna auf offener Bühne, später erfordert das Libretto eine gross angelegte Ballszene und am Ende tritt der ermordete Vater plötzlich als singende Steinstatue auf und Don Giovanni wird von Flammen umzüngelt vom Erdboden verschluckt. Das Kammerorchester nahm sich diesem Stoff in ihrer Reihe «konzertante Oper» an. Vermag eine derart opulente Oper auf dem Orchesterpodium der Martinskirche ihre volle dramatische Wirkung zu entfalten?

Die Lösung bestand in einer «szenischen Einrichtung» durch den Bassbariton Erwin Schrott, der auch die Hauptrolle des Don Giovanni sang. Die Sänger und Sängerinnen trugen nicht einfach vor dem Orchester ihre Parts vor, sondern spielten in einer einfach gehaltenen Inszenierung die Handlung aus. Kein Bühnenbild, kaum Requisiten, keine Kostüme und auch nur sehr wenig Platz. Kann das gut gehen? Überraschenderweise sehr. Schon während der Ouvertüre betrat Don Giovanni die Bühne und traf auf eine ihn spiegelnde Knabengestalt, die ihn sein tragisches Ende erahnen liess.

Diese scharadenhafte Figurenzeichnung befremdete an dieser Stelle. Doch sobald die Handlung an Fahrt gewann, wurde man durch das einnehmende Spiel und den ausdrucksstarken Gesang der Solistinnen und Solisten mitgerissen: Erwin Schrott als Don Giovanni überzeugte sowohl stimmlich als auch schauspielerisch mit einer perfekten Mischung aus Charmeur und manipulativem, manischem Bösewicht, mit der er auch das Publikum umgarnte. Der für den erkrankten Christian Senn eingesprungene Bariton Ruben Drole verkörperte den Diener Leporello vor allem im ersten Akt treffend und mit viel Humor, sein komödiantisches Talent war beim tragischen Schluss aber etwas fehl am Platz. Die Sopranistin Giulia Semenzato als Zerlina traf, auch wenn sie ab und an vom Orchester übertönt wurde, den richtigen Ton zwischen kokett, naiv und resolut.

Hochpräzises Kammerorchester

Nicht nur das durchs Band überzeugende Solisten-Ensemble und die Sänger und Sängerinnen vom Deutschen Kammerchor, sondern auch das Kammerorchester wurde in die szenische Einrichtung miteinbezogen: Der Dirigent Giovanni Antonini wurde bequatscht, die Pianistin So Young Sim bezirzt und die Cellisten dienten Zerlina als Versteck.

Bei diesem grossen schauspielerischen Einsatz drohte die Gefahr, dass die Vorzüge einer konzertanten Aufführung, nämlich sich ganz auf die Musik zu fokussieren, untergehen könnten. Dem war jedoch nicht so. Das Kammerorchester musizierte mit offensichtlicher Freude und gerade im ersten Akt hochpräzise und mit absolut klarem, transparentem Klangbild.

Den musikalischen, wie auch schauspielerischen Einsatz belohnte das Publikum mit stehenden Ovationen. Zurecht, denn die ungewöhnliche Mischung aus konzertanter Aufführung und Bühneninszenierung ging auf.

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