Fragan Gehlker steht in der Mitte der Alten Reithalle und reibt seine Hände mit Magnesium ein. Er trägt Adidas-Sportschuhe, eine beigefarbene, locker sitzende Hose und ein schlichtes, rotes T-Shirt. Genauso simpel wie das Erscheinungsbild des Artisten ist auch die Gestaltung der Manege, eingefasst von vier Zuschauertribünen. Neun dicke Seile hängen von der Dachkonstruktion der Halle, darunter Matten und Schaumstoff-Streifen, zu einer grossen Matratze aufgeschichtet. «Radikal einfach», heisst es auf der Website von Gehlkers Kompanie «L’Association du Vide». Die Idee dazu entstand vor zehn Jahren am CNAC, dem französischen Zentrum für Zirkuskunst. 2011 kam Alexis Auffray dazu, als Regisseur, Musiker und Bühnenpartner.

Am Festival für zeitgenössische Zirkuskunst «cirqu’7» hat die Crew mit ihrem Programm «Le Vide – essai de cirque» ihren ersten Auftritt in der Schweiz. Für Festival-Leiter Roman Müller ein über viele Jahre gehegter Wunsch. «Die passen einfach perfekt zu unserem Anlass und zum Raum in der Alten Reithalle», sagte er im Vorfeld des Festivals. «Die Performance zwingt einen, nach oben zu schauen und den gesamten Raum wahrzunehmen.»

Tatsächlich nutzt Fragan Gehlker fast die gesamte Raumhöhe von rund 16 Metern aus. Der Franzose begnügt sich nicht einfach damit, sein Können am Vertikalseil zu zeigen. Er erzählt eine Geschichte, die mit dem ersten Kletterversuch beginnt, der nach wenigen Sekunden mit dem Fall auf die Matratze endet.

Jeder ist Sisyphos

Gehlker probiert sich aus, erkundet den Raum, klettert höher und fällt tiefer und spektakulärer. Eines nach dem anderen fallen die Seile mit lautem Klatschen zu Boden, bis nur noch eines übrig bleibt. Was folgt, ist eine waghalsige Klettertour durch das Gebälk der Reithalle, ganz ohne Sicherung. Als der Artist seinen Weg zurück auf den Boden gefunden hat, atmet das gesamte Publikum hörbar auf. Gehlker vermag es, den gesamten Zuschauerraum in seinen Bann zu ziehen, mit seiner Leichtigkeit sorgt er dennoch für Gelächter und eine gelöste Stimmung. Die Inspiration seiner Geschichte eines ewigen Auf und Abs zog der Artist aus der Sisyphos-Sage. Der Mann, der von den Göttern dazu gezwungen wird, immer wieder einen Stein einen Hügel hinaufzutragen, der dann jedes Mal wieder herunterrollt.

Der Berg ist in diesem Fall ein Seil. Was anderes kann man tun, als hochzuklettern, und wieder runter? «Ist das nicht absurd?», fragte sich Gehlker. Während er die Höhen der Alten Reithalle erklimmt, steht unten im Raum Alexis Auffray. Zunächst an der Geige, dann bedient er ein Radio, einen Kassettenrekorder, geht zwischendurch einen Kaffee trinken und landet am Ende doch wieder bei seiner Geige. Auch er bewegt sich dabei im Kreis, auch er ist Sisyphos.

«Le Vide – essai de cirque» repräsentiert eine neue Art von Zirkus. Einen Zirkus, der zum Denken anregt, der ohne Kostüme, Verzierungen und Orchester auskommt. Dabei ist den Künstlern wichtig, den Raum, in dem sie spielen, so wenig wie möglich zu verändern. Er soll «nackt» sein, für das Publikum erlebbar bleiben. Nicht der Raum passt sich der Show an, sondern umgekehrt. Für Roman Müller vom Festival «cirqu’7» könnte es keinen würdigeren Abschied von der Alten Reithalle geben, bevor ab Ende Juni renoviert wird. In den alten Gemäuern wurde Müller vor einigen Jahren dazu inspiriert, den zeitgenössischen Zirkus in Festival-Form nach Aarau zu holen.

Letzter Einzug der Pferde

Am Freitag feierte das Festival «cirqu’» mit «Le Vide» die Eröffnung seiner siebten Ausgabe. Um den Geist der Alten Reithalle wieder aufleben zu lassen, zogen zahlreiche Zirkusbegeisterte mit Pferdemasken und unter Hufgetrappel von der Altstadt bis zur Halle. Als Höhepunkt der Eröffnungsfeier balancierte der Hochseilartist Freddy Nock über den Innenhof, auch er in einer Pferdemaske.

«Le Vide – essai de cirque» Weitere Vorstellungen am 8. und 9. Juni, Alte Reithalle Aarau.