Theater

Dieser Roman änderte sein Leben fundamental

«Ich wusste, der ‹Briefsteller› würde auf der Bühne funktionieren»: Der ukrainische Pianist Alexey Botvinov.

«Ich wusste, der ‹Briefsteller› würde auf der Bühne funktionieren»: Der ukrainische Pianist Alexey Botvinov.

Der ukrainische Pianist Alexey Botvinov hat Michail Schischkins Kultroman «Briefsteller» für die Bühne bearbeitet.

Eine Frau, ein Mann, eine Sommerliebe. Sascha und Wolodja werden durch einen Krieg getrennt und können sich nur Briefe schreiben. Darin erzählen sie einander von Kindheit, Familie und Alltag. Ein normaler Briefwechsel? Nein. Leser von Michail Schischkins «Briefsteller» erfahren: Die Zeit der beiden ist «ver-rückt». Sie lebt in der Gegenwart; er kämpft in China zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Er stirbt, doch seine Briefe kommen weiterhin an. Sie heiratet, schreibt ihm weiter – als ob weder die Zeit noch der Tod eine Rolle spielten. Längst ist der Roman des in Zürich lebenden russischen Autors Kult – mittlerweile ist er in über 20 Ländern erschienen.

Einen hat Schischkins «Briefsteller» in seinen Grundfesten erschüttert: Alexey Botvinov. Der ukrainische in der Schwarzmeer-Metropole Odessa lebende Pianist spricht von «einem ungewöhnlich starken, berührenden Buch, das mein Leben fundamental verändert hat». Nur beim Lesen liess es Botvinov nicht bewenden. Unmittelbar nach der Lektüre traf er Schischkin, worauf sich Autor und Musiker rasch einig waren: Der Roman gehört auf die Bühne. «Ich wusste, der ‹Briefsteller› würde dort funktionieren», sagt Botvinov, der über eine reiche Theatererfahrung verfügt: als Intendant der Oper in Odessa und musikalisch unvergleichliche Stütze vieler Ballette des Choreografen Heinz Spoerli. Dass er die Bühnenfassung selbst schreiben würde, stand für Botvinov von Beginn an fest. Klar war auch, «welche Musik zu diesem polyfonen Roman gehört. Auf jeden Fall Sergej Rachmaninoffs Elegie, die ich im Konzert oft spiele, sodann Werke von Alexander Skrjabin.» Klar war überdies, dass die Briefe von zwei Schauspielern gelesen, aber von ihnen auch ins Szenische übergeführt werden sollten – im Zusammenklang mit Botvinovs Klavierspiel. Alles schien gut. Aber dann erfuhr der Pianist, dass auch das Moskauer Tschechow-Kunsttheater eine Fassung erarbeiten wollte. War sein Projekt hinfällig?

Neue Ideen und Wörter

Nein. Michail Schischkin gab nicht nur der Moskauer, sondern auch Botvinos intimerer Version grünes Licht: diese wurde 2012 in Odessa uraufgeführt. Begeistert von der Bühnenfassung des Pianisten schlug Michail Schischkin vor, das Stück ins Deutsche zu übersetzen. In Alexey Botvinovs Augen blitzt es belustigt auf: «Das war Abenteuer Nummer 2 für mich.» Waghalsig deshalb, weil die Schauspieler «komplett unterschiedlichen Theaterschulen entspringen. Das musste ich berücksichtigen. Russisch ist perfekt, um russische Emotionen zu zeigen. Die Schauspieler dürfen weinen, und mit ihnen weint das Publikum – das ist wie eine Katharsis. Im Deutschen sind die Akzentsetzungen ganz anders. Schwarzen Humor mag es hier ertragen – im Russischen kommt er hingegen nicht gut an», betont Botvinov: «Also wusste ich: Will ich den ‹Briefsteller› auf Deutsch vorstellen, muss ich das Projekt mit neuen Ideen und Wörtern anpacken.» Der Pianist nippt an seinem Tee; lächelt. Michail Schischkin habe die deutschsprachige, im Zürcher Kammertheater Stok uraufgeführte Version mit diesen Worten geadelt: «Sie ist besser als die russische.» Dieses Lob macht den ukrainischen Pianisten glücklich – vor allem im Hinblick auf die Wiederaufnahme des «Briefstellers» in der Tuchlaube Aarau. «Der Roman ist aktueller denn je. Er hat für mich in den letzten Monaten eine ganz neue Bedeutung bekommen.» Botvinovs Gelassenheit macht unversehens einem Ernst Platz, dem sich sein Gegenüber nicht entziehen kann. Die Situation in der Ukraine. Botvinov verstummt. Als er wieder zu sprechen beginnt, klingt seine Stimme gedämpfter, aber energischer, was kein Widerspruch ist.

«Wir leben doch gut zusammen»

Der Pianist kommt auf die Massenproteste im Herbst und Winter 2013/14 in Kiew sowie auf die erhitzte Situation im Februar 2014 zu sprechen: Es wurden Schusswaffen eingesetzt; mehr als 70 Menschen starben. Dann streift der Musiker den Konflikt in der Ostukraine, der sich ab Februar dieses Jahres zu einem bewaffneten entwickelt hat. «Die Ukraine will keine Diktatur. Sie ist kein Satellit von Russland; wir – Ukrainer und Russen – leben doch gut zusammen.» Der Musiker erzählt von jüngeren Menschen, die sich anfänglich neutral verhalten hätten. «Aber dann entwickelten sie zunehmend ein politisches Bewusstsein, und das ist gut so.» Botvinov selbst hat sich in den brandgefährlichsten Zeiten für die Demokratie stark engagiert. «Natürlich hatte ich permanent Angst», bekennt er, «so viele Menschen sind schon gestorben. Plötzlich war der Krieg da. Niemand hätte sich das vorstellen können».

Eindringlich blickt der 50-Jährige die Besucherin an: «Was ein Krieg wirklich bedeutet, ist in Schischkins Roman zu lesen. Genau deshalb ist er von brennender Aktualität.» Im August dieses Jahres sei die Situation in der Ukraine fast unerträglich gewesen. «Wir sind morgens aufgestanden und unser erster, quälender Gedanke war: Was bringt der heutige Tag?» Seit September habe sich die Lage etwas entspannt, sagt Botvinov und kommt von der Politik wieder auf die Musik, zumal seiner Heimat, zu sprechen.

Am 20. Januar 2015 will er dem Publikum in der Tonhalle Zürich zeigen, welche Schätze diese birgt: Kompositionen von Walentyn Sylwestrow und dem hierzulande nahezu unbekannten Alemdar Sabitovych Karamanov. Alexey Botvinov hat eine Fassung des Finales aus dessen Klavierkonzert «Ave Maria» erarbeitet. «Spiele ich sie, bekomme ich immer Hühnerhaut», sagt er. Ob er diese auch am 12. November bekommt? Dann wird Michail Schischkin die erste Vorstellung des «Briefstellers» in der Tuchlaube Aarau besuchen und danach mit dem Publikum diskutieren.

«Briefsteller» Theater Tuchlaube Aarau; 12. und 14. November, 20.15 Uhr.

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