«Kinder der Sonne» nannte der russische Autor Maxim Gorki sein Stück über die Inteligenzija des Landes. Abgeschottet von der Aussenwelt, in der Krankheit und Armut die Massen plagen, pflegt die Elite in ihren Villen ihre Privilegien und Privatpassionen. Trotzdem ist die Bezeichnung «Kinder der Sonne» nicht nur zynisch gemeint. Wie seine Hauptfigur, der verkopfte Biochemiker Protassow, glaubt Gorki tatsächlich an das Gute im Menschen. Gleichzeitig verzweifelt er immer wieder an ihm und seinem Handeln.

So zeichnet Gorki in seinem Stück Menschen mit hohen Idealen – doch nur in der Theorie, an der Praxis scheitern sie. Er zeigt so selbstsüchtige wie hilflose Menschen, unfähig aus ihren Leerläufen auszubrechen, anrührend in ihrer Suche nach Sinn und Liebe.

Starke Ensemble-Leistung

Diese Zwiespältigkeit aller Figuren arbeitet die junge Regisseurin Nora Schlocker in ihrer ersten Inszenierung auf der Grossen Bühne am Theater Basel nuanciert heraus. Sie konzentriert sich ganz auf die emotionalen Begegnungen und Missverständnisse zwischen den Figuren, darauf, was eine in der anderen auslöst und wie sich das wiederum auf die nächste Begegnung auszuwirken vermag. Und das neu zusammengesetzte Ensemble spielt sich gegenseitig die Pässe zu, als ob es schon seit Jahren zusammen spielte. «Kinder der Sonne» ist, wie schon die beiden vorhergehenden Premieren unter der neuen Intendanz Andreas Becks, nicht zuletzt eine ausserordentliche Ensemble-Leistung.

Und wieder ist es eine sorgfältige, präzise Regiearbeit einer der vier Hausregisseure, und wieder gibt es wunderbare Schauspielerinnen und Schauspieler zu entdecken. Oder wiederzuentdecken: Katja Jung, bereits unter Stefan Bachmann Teil des Ensembles, geht als verwöhnte, naive Melanija zuerst gehörig auf die Nerven und alsbald ans Herz. Sie legt dem Professor (Ingo Tomi) ihr Herz vor die Füsse, gesteht ihm ihre Liebe, erniedrigt, entblösst sich. Worauf er fragt: «Kann es sein, dass sie sich in mich verliebt haben?»

Nur Narren und Clowns sehen und sagen die Wahrheit. So ist es bei Shakespeare, so ist es auch bei Gorki. Die angeblich geisteskranke Lisa schätzt die gesellschaftliche Situation am realistischsten ein. Sie warnt vor den Massen da draussen, die ihrer Gruppe allein schon deshalb hassten, weil es ihnen so viel besser gehe. Lisa Stiegler spielt diese Lisa so zart wie stark. Und wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass sie mit ihren grossen braunen Augen, dem hellblonden Kurzhaar und ihrem Melonenhut an die kleine, traurige Clownin Gelsomina in La Strada erinnert.

Blind im hellen Raum

Ist der Mensch dümmer als Pferd und Hund, wie es der Tierarzt und melancholische Zyniker Tschepurnoj (Urs Peter Halter) sieht? Oder ist er ein Kind der Sonne, wie der Biochemiker behauptet? Nur «die Angst vor dem Tod hindert die Menschen, mutig, schön und frei zu sein», sagt er. Doch als seine Frau Jelena (Nicola Kirsch) mutig der cholerakranken Frau des Schlossers zur Hilfe eilt, ist er der Erste, der sie aus Angst vor Ansteckung daran hindern will. Des Professors schöne Worte: leeres Geschwätz.

16 Figuren reden und reden. Lisa drängt zur Veränderung, aber bewirkt nichts. Der Tierarzt würde ja gern Grosses tun, aber es fällt ihm nichts ein. Und so dreht sich diese tragikomische Gesellschaft permanent um sich selbst, kommt nicht vom Fleck, nicht vom Esstisch, nicht aus diesem Raum. Bühnenbildner Bernhard Kleber hat diesen Lichtkindern einen überaus hellen, überaus weissen, hohen Raum geschaffen. Alle sind immer anwesend, einander ständig ausgesetzt. Zwei Stunden lang, ohne Pause. Auch das stimmt so.