Theater Basel

Diese Sonne wärmt nicht mehr: Ewald Palmetshofer schreibt das Stück zur politischen Ratlosigkeit

Dimitri - VOR SONNENAUFGANG

Dimitri - Vor Sonnenaufgang

Im Auftrag des Theater Basel hat der Autor Ewald Palmetshofer Hauptmanns Figuren und Sprache ins 21. Jahrhundert transferiert. «Vor Sonnenaufgang» ist mehr als ein psychologisch aufgeladenes Familienstück. Palmetshofer lässt seine Figuren den Zeitgeist analysieren.

Ausnahmsweise das Ende vorweg: Der Applaus an der Uraufführung von Ewald Palmetshofers «Der Sonnenaufgang» war kräftig und lang. Zurecht. Der Text des 39-jährigen Autors und Dramaturgen ist kluge Zeitanalyse und gute Unterhaltung. Zweieinhalb Stunden dauert seine Überschreibung von Gerhart Hauptmanns Stück aus dem Jahr 1889. Im Auftrag des Theater Basel hat Palmetshofer Hauptmanns Figuren und Sprache ins 21. Jahrhundert transferiert.

Die Grundkonstellation bleibt: Das Zeitgeschehen spiegelt sich im Mikrokosmos einer Familie. Bei Hauptmann waren es schlesische Bauern, die durch Bergbau reich und durch Alkohol zerrüttet wurden. Bei Palmetshofer ist es eine mittelständische Unternehmerfamilie in der Agglo. Hier ist bloss der alte Patron heillos versoffen, auf den Punkt gespielt von Steffen Höld. Seine zweite Ehefrau (Cathrin Störmer) versucht die propere Fassade trotz zerrütteter Ehe aufrecht zu erhalten.

Eine Stieftochter (Pia Händler) ist mit ihrem Grafik-Start-up gescheitert, die andere (Myriam Schröder) erwartet ein Kind von Thomas. Michael Wächter verkörpert diesen Jungunternehmer und -star der Lokalpolitik.

Beinah schon zur Familie gehört Arzt Schimmelpfennig (Thiemo Strutzenberger), der sich um die Hochschwangere kümmert. In die eh schon emotional aufgeladene Stimmung kurz vor der Geburt platzt Alfred Loth, Journalist eines linken Wochenmagazins, gespielt von Simon Zagermann. Er hat mit Thomas einst nicht nur das Zimmer im katholischen Studentenheim geteilt, sondern auch die politische Überzeugung, dass die Utopie einer solidarischen Gesellschaft Wirklichkeit werden kann.

Palmetshofer schreibt Dialoge und erfindet Sprachbilder, die für das eingeschworene Ensemble und Regisseurin Nora Schlocker ein gefundenes Fressen sind. Etwa wenn die Schwangere beiläufig meint: «Es dauert sicher nicht mehr lang, und mit dem Kind bring ich endlich dann mich selbst zur Welt». Verdichteter kann man kaum sagen, was Frauen so alles in ein Kind hineinprojizieren können. Und Vater Thomas zeichnet die Überforderung der Väter ebenso präzis und knapp, wenn er sagt: «Für unsereins sind neun Monate ja viel zu kurz.»
Das ist witzig und unterhaltend – und bleibt trotzdem ungemütlich. Unter der geschwätzigen Oberfläche staut sich viel Ungesagtes. Die kränkelnd grüne Leere des Bühnenbilds von Marie Roth lässt die Einsamkeit der Figuren aufleuchten.

Die Kapitulation der Menschen

Dennoch ist «Vor Sonnenaufgang» mehr als ein psychologisch aufgeladenes Familienstück. Palmetshofer lässt seine Figuren den Zeitgeist analysieren. Der linke Journalist entlarvt die Verlogenheit des neoliberalen Self-Made-Man, reale Vorbilder wie Macron oder Köppel mitgedacht. Der wiederum entblösst die Entfremdung der linken Elite gegenüber den eigentlichen Ängsten und Sorgen der Leute. Denn es gehe, so der zynische Kurzschluss, vor allem darum, den Menschen eine Geschichte zu erzählen, an die sie glauben können. Egal, ob sie wahr ist oder nicht. So funktioniert das im Fake-News-Zeitalter.

Gegen Ende bringt der Arzt dann auf den Punkt, warum wir nach tröstenden Geschichten hungern. Er sieht die Menschen in Agonie verfallen. Sie kapitulieren ob der Tatsache, dass ihr kleines Leben nur ein mehr oder weniger zufälliger Kurzschluss von Wasser- und Kohlestoff in einem ansonsten kalten Universum ist. Die Sonne, die nach der Totgeburt des Kindes gleissend aufgeht, blendet zwar, aber warm gibt sie nicht.

Nächste Vorstellung Heute Mittwoch, 29. November, 19.30 Uhr. Läuft noch bis 28. Februar. Theater Basel.

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