Elektronische Kunst

Diese Kunst bleibt eine Herausforderung

Das Haus der elektronischen Künste in Basel zeigt preisgekrönte Schweizer Medienkunst. Eine Anleitung zur Bewusstseinserweiterung.

Kunst kann Vieles. Das ästhetische Empfinden schulen, das Menschenbild neu definieren, die Gesellschaft kritisch hinterfragen, Kommunikationsformen erfinden. Im besten Fall erweitert sie unser Bewusstsein. Das noch relativ junge Feld der elektronischen Kunst tut dies in besonderem Masse.

Es liegt dabei in der Natur der Sache, dass sie nicht einfach zugänglich ist. Die Welt der Algorithmen, Bytes und Datenflüsse ist ebenso komplex wie unsichtbar. Sie vereinfacht unser Leben und macht es gleichzeitig unübersichtlich. Umso mehr braucht es die Auseinandersetzung damit, wie elektronische Technologie unser Leben beeinflusst.

Das Haus der elektronische Künste (HeK) in Basel zeigt derzeit Schweizer Medienkunst, drei Positionen, die mit dem Pax Art Award 2019 ausgezeichnet wurden. Kuratiert wurde die Schau von Boris Magrini. Der Hauptpreis von 30 000 Franken ging an das Schweizer Duo Yvonne Wilhelm und Christian Grübler, die seit den Neunzigerjahren unter dem Namen Knowbotiq mit ihren Langzeitprojekten neue Technologien kritisch hinterfragen.

Je 7500 Franken gingen an den Tessiner Künstler Alan Bogana und den in Genf lebenden Franzosen Félicien Goguey. Die genannten Preissummen bestehen jeweils zur Hälfte aus einem Ankauf in die Sammlung der Art Foundation Pax und aus einem finanziellen Beitrag an ein neues Projekt.

Gold als kollektive Wahnvorstellung

Die neuste Arbeit von Knowbotiq ist in der Form elektronisch, eine zweiteilige Video-Collage aus Filmsequenzen, Animation, Sound und Stimme. Das Thema jedoch gehört der analogen Welt an: Gold. Der 17-minütige Assoziationsreigen des Künstlerduos ist das Resultat einer langen Recherche über Herkunft, Raffinerie und den Verkauf von Gold.

Das Thema hat politische Brisanz. Jüngst hat die Finanzkontrolle des Bundes bekannt gegeben, dass die Herkunft des Goldes beim Import in die Schweiz kaum kontrolliert wird; dies obwohl rund 40 Prozent des weltweit geschürften Edelmetalls in der Schweiz verarbeitet werden.

Der Titel der Arbeit und das Video selbst weisen jedoch weit über die tagespolitische Thematik hinaus und geben ihm eine komplexe Dimension. «Psychotropic Gold_molecular refinery» hinterfragt die psychologische Macht, die mit dem Edelmetall verbunden ist. Ist die Wertschätzung von Gold nicht eigentlich eine kollektive Wahnvorstellung? Was für eine geisterhafte Materie ist das, der alle hinterherrennen? Und was bedeutet sie für die Menschen an verschiedenen Orten der Welt?

Im Video taucht ein Junge in eine schlammige Brühe auf der Suche nach einem Goldkorn, während andernorts Frauenfüsse in mit Blattgold angereichertem Wasser baden oder goldene Akupunkturnadeln eine Patientin beruhigen sollen. Elektronische Geräte schweben über die Leinwand. Das Gold in ihnen bleibt unsichtbar, genauso wie hinter Mauern mit Stacheldrahtkrone. Die Collage vereint, was wir normalerweise nur getrennt wahrnehmen. Vertieft wird die Recherche in einem Buch zum Thema, das jüngst erschienen ist.

Knowbotic thematisieren in zwei weiteren Arbeiten das Verhältnis von Natur und elektronischer Welt. Beide Werke bestehen aus grossen, hängenden Gebilden. Die eine ist eine Sitz- und Liegelandschaft, in der Amazonien und der Weltkonzern Amazon zusammenfinden, inklusive Interviews mit dem Chef Jeff Bezos einerseits und seinen Angestellten andererseits. Eine diabolische Rolle in diesem Mini-Welttheater spielen die so genannten Bots. Roboterstimmen empfehlen dem Besucher, seine Arbeit doch aufzugeben. Die Bots werden schon übernehmen.

Das zweite Gebilde ist ein riesiger geflochtener Tatzelwurm, flankiert von Zauberstäben, behangen mit elektronischem Gerät. Es sind Relikte einer kollektiven Performance. Das Künstlerduo brachte Kollegen, Wissenschaftler und politische Aktivistinnen im durch industrielle Nutzung gefährdeten schottischen Hochmoor zusammen. Die Requisiten, die zu sehen sind, waren Teil eines magisch anmutenden Anrufungsrituals in der Moorlandschaft. Die Texte und Lieder der Rituale können per QR Code heruntergeladen werden.

Überwachungstechnik und unsichtbare Teilchen

Beunruhigend und zugleich witzig ist, was der Künstler und Designer Félicien Goguey zeigt. Er beschäftigt sich mit Überwachungssystemen – und der Störung derselben. Sein «BlocBallon», ein meterlanger durchsichtiger Ballon mit einer elektronischen Apparatur darin, ist der Traum jedes als illegal bezeichneten Demonstranten. Die Technik legt die sogenannten IMSI-Catchers lahm, mit welchen die Polizei auch in der Schweiz die Identität von Mobilfunknutzern ermitteln kann.

Keine harmlose Technologie, wie der Künstler in einer anderen Arbeit aufzeigt. Er hat sich die IMSI-Software illegal, aber problemlos besorgt und für ein paar Stunden auf dem Campus des HeK installiert. Leicht verschlüsselt  sehen wir die Identifikationsdaten aller Handynutzer, die das überwachte Gebiet betreten haben. Wie man die weltweite Überwachung von E-Mails mit verdächtigem Inhalt mit Massenspams lahmlegen könnte, zeigt Goguey in einer dritten Arbeit «Masquerade».

Dass der Mensch selbst ein Wesen mit beschränkter Wahrnehmung ist, Technik diese aber erweitern kann, das beschäftigt Alan Bogana. Mittels Laserstrahlen zaubert er uns den Nachthimmel über Basel in den Kunstraum – so wie er am 1. Januar 2050 aussehen wird. Mittels VR-Brille versetzt er uns in eine so genannte Nebelkammer, in der wir Spuren sonst unsichtbarer Teilchen der kosmischen Strahlung sehen.

Psychotropisches Gold, Amazon und Amazonien, unsichtbare, aber sehr wirksame Überwachungstechnik, Erweiterung der Sinne mittels Computer: Elektronische Kunst bleibt eine Herausforderung für unser Bewusstsein.

Schweizer Medienkunst
Bis 2. August, HeK, Basel.

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