Vorzüglicher Jahrgang

Diese Kulturgrössen wären dieses Jahr 100 geworden

Jahrgang 1915: Frank Sinatra, Ingrid Bergmann und Orson Welles (v.l.)

Jahrgang 1915: Frank Sinatra, Ingrid Bergmann und Orson Welles (v.l.)

Was haben Frank Sinatra, Orson Welles und Ingrid Bergmann gemeinsam? Sie hinterliessen Spuren für die Ewigkeit – und wären in diesem Jahr hundert Jahre alt geworden.

Billie Holiday, 7. April 1915, Amerikanische Jazzsängerin

Billie Holiday gilt zusammen mit Ella Fitzgerald als Begründerin des modernen Jazzgesangs. Dabei war sie nicht wie Fitzgerald eine Virtuosin mit einem grossen Stimmumfang. Doch ihre Stimme war unverwechselbar, zerbrechlich und leidenschaftlich. Ihre Interpretationen hatten eine tiefe emotionale Wirkung; vor allem der Song «Strange Fruit» von 1939, der die Lynchjustiz an Schwarzen thematisiert. «Ich habe diese Songs gelebt», sagte sie. Billie Holiday war ein Star, und ihr Song «God Bless the Child» wurde millionenfach verkauft. Trotzdem musste sie rassistische Diskriminierung über sich ergehen lassen. In den 30er-Jahren trat Billie Holiday als eine der ersten Jazzsängerinnen mit weissen Musikern auf und überwand damit Rassengrenzen. Trotz dieser Vorreiterrolle musste sie die Hintereingänge benutzen. Sie trank und war wie viele Jazzmusiker damals schwer drogensüchtig. Als sie 1959 im Alter von 45 Jahren starb, hatte sie 0.70 US-Dollar auf dem Konto. Ihre Bedeutung ist aber ungebrochen. Bis heute berufen sich Jazz- und Popsängerinnen auf sie.

Orson Welles, 6. Mai 1915, Amerikanischer Filmregisseur, Schauspieler, Schriftsteller

Er ist: laut einer Umfrage unter international namhaften Regisseuren, der beste Regisseur aller Zeiten. Er war: ein cineastisches Wunderkind, das als Schauspieler, Filmregisseur und Schriftsteller mit revolutionären Ideen glänzte. Und er hats getan: mit seinem Debüt den zum besten Film aller Zeiten gekürten «Citizen Kane» gedreht, produziert und dabei die Hauptrolle gespielt – Orson Welles. Zeit seines Lebens schien den Mozart der Filmrollen ein Geheimnis zu umgeben. Viele seiner Filme scheiterten, manche seiner Hauptdarsteller starben, und die Augen des Hollywood-Magiers umgab ein spöttischer Schein, der auch nicht verblasste, als er immer stärker mit Fettleibigkeit zu kämpfen hatte. Am 6. Mai würde Orson Welles 100 Jahre alt. Was seine Filme angeht, ist er längst unsterblich.

Ingrid Bergman, 29. August 1915, Schwedische Schauspielerin

Ingrid Bergman spielte 1942 im Film «Casablanca» zusammen mit Humphrey Bogart die wohl berühmteste Abschiedsszene der Filmgeschichte. Seither wurde sie zuerst immer mit diesem Film in Verbindung gebracht, obwohl sie in unzähligen weiteren Filmen mitspielte. Drei Oscars gewann die schwedische Schauspielerin, die als eine der bedeutendsten und populärsten Darstellerinnen der Filmgeschichte gilt. Das American Film Institute wählte Ingrid Bergman auf den vierten Platz der grössten Filmschauspielerinnen des 20.  Jahrhunderts. Bergmann hob sich durch ihre Natürlichkeit von den amerikanischen Filmdiven jener Zeit ab und konnte dadurch die Gunst des Publikums gewinnen.

Arthur Miller, 17. Oktober 1915, Gesellschaftskritischer, US-Schriftsteller

Arthur Miller wurde die seltsame Ehre zuteil, die sonst blond gelockten Starlets und B-Schauspielerinnen vorbehalten ist: Weltberühmtheit durch eine Hochzeit. Blond gelockt war dabei namentlich nicht Miller, sondern seine Frau, Marilyn Monroe. Dabei hatte sich der sozialkritische US-Schriftsteller bereits zu Lebzeiten einen Klassikerstatus erschrieben mit seinem Pulitzerpreisgekrönten Drama «Tod eines Handlungsreisenden». Und in Millers knapp 30-seitigen Kurzgeschichte «The Misfits – nicht gesellschaftsfähig» brachte es der Autor fertig, die amerikanische Gesellschaft in den Augen einer Mustangherde zu spiegeln. Der kurze Text wurde zum abendfüllenden Filmklassiker: «Misfits» mit Marilyn Monroe – wobei man wieder am Anfang ist. Arthur Miller wurde die seltsame Ehre zuteil – na, Sie wissen schon.

Roland Barthes, 12. November 1915, Französischer Philosoph, Soziologe und Literaturwissenschafter

Er wagte es, den Citroën mit gotischen Kathedralen gleichzuschalten – beides als «eine grosse Schöpfung der Epoche, die mit Leidenschaft von unbekannten Künstlern erdacht wurde (...), benutzt von einem Volk, das sich in ihr ein magisches Objekt aneignet». Roland Barthes war ein Philosoph, dessen Gedanken im Alltag fussten und in höchste Sphären führten. Mit seinen Aufsätzen «Mythen des Alltags» hob er das Denken seiner Generation aus den Angeln; mit seiner Erörterung über die Zeichenhaftigkeit unserer Welt, über unsere Symbole und Chiffren rollte er über Jahrzehnte hinweg das Feld der Wissenschaft neu auf – aber stets scheinbar mühelos und mit très französischem ésprit. Die schillernde Ausstrahlung hatte eine umso handgestricktere Rückseite: Privat lebte der Philosoph sein Leben lang bei seiner Mutter, starb nur zweieinhalb Jahre nach ihr und wurde in ihrem Grab beigesetzt – wenn das nicht zeichenhaft ist.

Frank Sinatra, 12. Dezember 1915, Amerikanischer Sänger, Entertainer und Schauspieler

«Was ich für mein Instrument an Phrasierungstechnik gelernt habe, das verdanke ich zu einem sehr grossen Teil den Aufnahmen von Frank Sinatra,» sagte einst der grosse Trompeter Miles Davis. Tatsächlich setzte der amerikanische Sänger in Sachen Phrasierung und Timing Massstäbe. Unerreichbar für musikalische Enkel wie Michael Bublé oder Robbie Williams. Sinatra selbst berief sich dagegen immer auf Billie Holiday. Er begann als Jazzsänger, wurde in den 40er-Jahren aber zu einem Popsänger, Entertainer und Schauspieler, der als erster Massenhysterien auslöste wie wir sie später bei Elvis und den Beatles erlebten. Sinatra war ein Mann der Superlative: Zwischen 1939 und 1993 nahm er 1300 Lieder auf, 18-mal gewann er den Grammy und erhielt weitere 25 Nominierungen. Für seine Fernsehshows gewann er viermal den Emmy und drei Oscars.

Edith Piaf, 19. Dezember 1915, Französische Chansonsängerin

Eine der zahlreichen Legenden um Edith Piaf besagt, dass sie am 19. Dezember vor hundert Jahren buchstäblich auf der Strasse geboren wurde, weil ihre Mutter das Spital nicht rechtzeitig erreichte. Ihr Aufstieg aus der Gosse, mit Zwischenstationen im Zirkus und im Bordell, hinauf in den Olymp der Unterhaltungsbranche liess sich medienwirksam ausschlachten. Ebenso wie Drogenrausch, Alkoholexzesse, Wutanfälle, Halluzinationen, Entziehungskuren und Autounfälle. Dabei sind aus heutiger Sicht Mythos und Realität in diesem hochdramatischen Leben manchmal nur schwer auseinanderzuhalten. «Non, je ne regrette rien», sang der «Spatz», und ihr Gesang schien die Tragödien ihres Lebens widerzuspiegeln. Edith Piaf war nur 1,47 Meter gross – aber die grösste Chansonsängerin Frankreichs.
Edith Piaf - Non, je ne regrette rien

Edith Piaf - Non, je ne regrette rien

Frank Sinatra - My Way

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Ingrid Bergman im Film Casablanca

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