Es ist mit Kleists «Ach!» so ein wenig wie mit Massimo Rocchis «Äuä!»: Es kann, je nach Kontext, alles Mögliche bedeuten. Es gibt das «Ach!» der Lust, das «Ach!» der Enttäuschung, das «Ach!» der Sehnsucht, das «Ach!» der Beschwichtigung. Man kann es zu sich selber sagen, zum Geliebten, zu den Göttern, zum Ehemann, zu einem Publikum.

Man kann es schreien, stöhnen, murmeln, flüstern. Trotzig, verliebt, enttäuscht, entrückt, verloren, hingebungsvoll, frustriert. Es kommt daher nicht von ungefähr, dass dieses kleine Wörtchen «Ach!» als einer der berühmtesten Schlussätze des Theaters gilt.

Wie interpretierte Julia Hölscher diesen Schluss? Überprüfen Sie selbst. Es lohnt sich. Denn, um es gerade vorwegzunehmen: Ihre Inszenierung von Kleists «Amphitryon» ist ein Wurf.
«Wurf» klingt freilich etwas zu salopp, wenn man bedenkt, mit welcher Präzision Bühne (Paul Zoller) und Schauspiel aufeinander abgestimmt sind, sodass man nicht recht weiss, ob jetzt der Raum zum Wort oder das Wort zum Raum passt und welches von beiden wohl zuerst da war.

Das Wort, natürlich, aber es könnte, so scheint es, genau so gut sein, dass es diese rote Wand, eine Mischung aus Serra-Plastik, Rothko und Erde war. Wie die Drehwand und der riesige Spiegel das Spiel um Doppelgänger und Identitätsverwirrung in Szene setzen und transzendieren, ist grosse Bühnenkunst.

Das Ensemble brilliert

Die Umsetzung des zweitletzten Wortes verblüfft noch mehr als jene des «Achs!». Gesprochen wird es von Amphitryon selbst (Florian Manteufel), der von Zeus in der Rolle seines Doppelgängers nicht nur der Treue seiner Frau, sondern auch noch seiner Identität beraubt wird.

Und je mehr dieser thebanische Feldherr verliert, umso mehr gewinnt das Spiel des Manteufels, um am Ende, entblösst bis auf die nackte Haut, zu einem stummen Höhepunkt der Verzweiflung zu kommen. Selbst sein Diener Sosias (Nicola Mastroberardino) kriegt Mitleid. Bereits beim Eingangsmonolog auf der fast schwarzen Bühne nimmt Mastroberardinos leuchtendes Talent das Publikum für den sympathischen Antihelden ein.

Nicht umsonst hat Molière persönlich diese Rolle bei der Uraufführung seiner Fassung gleich 29 Mal gespielt. Molière oder Mastroberardino? Müsste man wählen, man fühlte sich wie Alkmene zwischen zwei Amphitryonen.

Pia Händler als Alkmene berührt. Zu Beginn liebestrunken gerät sie bald in eine tiefe Krise der Identität und leidet unter ihrer (unschuldigen) Schuld. Urs Peter Halter gibt den Zeus souverän als langhaarigen Beau, am ergreifendsten in seinem Bestreben, Alkmene möge ihn nicht bewundern, sondern lieben.

Zum Schmerz der Liebe passt auch Leonie Merlin Youngs unerwartete Interpretation der Charis: Statt als Zankapfel à la Gutemine spielt sie sie als eine Frau, die von der Zurückweisung ihres Mannes tief getroffen ist. Dabei war das ja gar nicht Sosias! Sondern Merkur in dessen Gestalt (gekonnt fies: Mario Fuchs). Ach, es ist kompliziert. Alle Verwirrungen lösen sich am Ende auf. Und doch ist nichts mehr, wie es war.

«Amphitryon»: Nächste Vorstellung: Donnerstag, 18. Januar, 19:30 Uhr, Schauspielhaus Basel.