New York, 1980. Im SoHo, wie das Quartier südlich der Houston Street in Manhattan genannt wird, sind Sprayereien zu sehen, die sich von den grossflächigen Graffiti unterscheiden – nicht nur, weil sie Betonwände zieren statt die Subway, sondern auch, weil sie kurze Botschaften vermitteln. «Life is confusing at this point», steht da etwa. Was die Tags einzigartig macht: Sie sind alle gezeichnet von einem gewissen Samo.

Wer dahinter steckt? Antoinette Kern weiss es nicht, als sie 1980 mehrere Monate in New York lebt. Aber sie ist fasziniert von diesen Wandsprüchen, diesen poetischen Anregungen.
Die Basler Künstlerin nimmt zu dieser Zeit an einem Austauschprogramm teil, das die Kunstgewerbeschule Basel mit der renommierten Cooper Union School durchführt. Dank eines Stipendiums der Stadt Basel verbringt sie einige Monate im SoHo, lebt in einem Loft am Broadway, bildet sich an der Kunsthochschule weiter in Design, Foto, Film. Dazwischen streift sie durch die Strassen Manhattans, stets ihre Spiegelreflexkamera in der Hand.
«Die Schweiz war steril, die Wände weiss. Das SoHo hingegen war bunt, die Menschen auch», erzählt Kern.

Eine späte Erkenntnis

Mit dem Aufenthalt in New York erfüllt sich ein lang gehegter Wunsch. Sie dokumentiert die Strassenszenen, mit ihnen auch die rätselhaften Botschaften an den Wänden, die mit dem immergleichen Copyright geschmückt sind: Samo. Erst viele Jahre später erfährt sie, wessen flüchtiges Werk – die Sprayereien verschwanden oder wurden übermalt – sie da festhielt. «Ich sah im Basler Stadtkino einen Film von Julian Schnabel aus dem Jahr 1981. Und da wurde mir erst klar, wer sich hinter dem Pseudonym Samo verbarg», erzählt sie: «Jean-Michel Basquiat».

Basquiat muss man nicht mehr vorstellen. Seine Bilder werden auf Auktionen im zwei- bis dreistelligen Millionenbereich gehandelt. Er war der erste afroamerikanische Superstar, der die Kunstszene in Aufregung versetzte und gehörte Anfang der 1980er zu jenem kreativen Zirkel, dem auch Julian Schnabel, Keith Haring oder die Band Blondie angehörten. Er wurde von Andy Warhol bewundert (und gepusht) und hinterliess nach seinem frühen Tod 1986 ein beeindruckendes Werk, das vor einigen Jahren in der Fondation Beyeler gezeigt wurde.

Dieser Basquiat hatte sich 1977, im Alter von 17 Jahren, mit einem Schulkollegen den Namen «Samo» ausgedacht, eine Abkürzung für «Same old shit». Die Legende will es, dass ihnen der Begriff eingefallen sei, als sie einen Joint geraucht hatten. Den «same old shit».

Der Anfang einer Karriere

Die Spraybotschaften markierten den Anfang von Basquiats intensiver Schaffensphase. Sein Talent fiel kurz nach Kerns Aufenthalt auch in der New Yorker Galerienszene auf. Der brotlose Künstler, der lange Zeit keinen festen Wohnsitz hatte und auch kein Geld, um sich Leinwände zu kaufen, wurde unterstützt und gefördert, womit sein Aufstieg erst richtig begann.

Die Monate im Jahr 1980, als Kern in Manhattan lebte, stehen historisch gesehen also just für das Ende des ersten Kapitels in Basquiats Künstlerkarriere. Dadurch lassen sich auch einige der Botschaften erklären, die sie fotografisch festhielt. «Samo is dead» etwa. Da begrub einer sein Alter Ego.

Eine Transformation erfuhr auch Antoinette Kern. Sie hatte immer davon geträumt, Künstlerin zu werden. Doch eine ältere Schwester besuchte schon das Konservatorium als Pianistin. Diese Ausbildung sei teuer genug, wurde ihr beschieden. Als fünftes Kind einer Laufner Familie musste sie hinten anstehen. Die Eltern sagten, sie solle etwas Vernünftiges machen. Das war eine KV-Lehre. Doch glücklich machte sie diese Büroarbeit nicht. Mit 30 Jahren meldete sie sich für den Vorkurs an der Kunstgewerbeschule an. Danach, 1977, besuchte sie dort die Fachklasse Gestaltung. Nebst der Fotografie interessierten sie auch Design und Zeichnen.
Nach ihrem sechsmonatigen Aufenthalt in New York reiste sie weiter an die Westküste, um in die kalifornische Kunstszene einzutauchen und sich mit Kunstschaffenden auszutauschen.

Ein Hippie-Kind

Zurück in der Schweiz leitete sie Kurse für meditatives Malen, «Zen-Painting», sagt sie. In dieser Zeit legte sie sich auch einen Künstlernamen zu, der sie bis heute begleitet: Vijya. Ausgesprochen «Witschja». Der Begriff steht im Sanskrit für «Victory», Sieg. «Ich war sehr oft in Indien, war ein totales Hippie-Kind», sagt sie und lacht. «In Indien fühlte ich mich sehr zuhause und verbrachte ganze Winter dort. Auch das hat mir am Künstlerleben gefallen: Dass man nicht einer Norm folgen musste.» Diese Verbundenheit zu Indien führte zum zusätzlichen Vornamen.

Und künstlerisch? «Ich war nie so ehrgeizig, dass ich eine grosse Karriere machen wollte», sagt sie. In den 80er-Jahren arbeitete sie in der Galerie Buchmann, bei Vitra Design auch, und absolvierte dann Ende der 80er-Jahre eine Ausbildung in Komplementärmedizin und als Therapeutin.

Bleibt die Frage, ob Vijya Kern bereut, dass sie Basquiat damals nicht persönlich kennenlernte? «Nein», sagt sie, «ich bereue überhaupt nichts. Um ihn zu diesem Zeitpunkt kennenzulernen, hätte ich in die Nachtclubs eintauchen müssen. Diese öffneten erst um 23 Uhr, danach tanzte man durch. Das wäre nicht dringelegen, ich hatte morgens Kurse.»

Dafür hat sie bei Tageslicht seine flüchtigsten Werke dokumentiert. 18 davon werden jetzt als grossformatige Fotografien ausgestellt und erstmals überhaupt in der Basler Streetart-Galerie Artstübli zum Kauf angeboten.

Vernissage Freitag, 12. Oktober, 17 bis 21 Uhr, in Anwesenheit der Künstlerin. Artstübli, Steinentorberg 28, Basel.