«Hätten Sie gerne eine cioccolatina – ein Schöggeli?», fragt Anna Felder. Ob sie den unzähligen Schülerinnen und Schülern, die über dreissig Jahre an der Alten Kantonsschule Aarau bei Signora Felder ihre ersten Schritte in Italienisch unternahmen, wohl auch Schokolade anbot? Zumindest fühlt man sich ein wenig wie ein Schüler in Felders Arbeitszimmer; ein kleiner Raum, die Regale bis an die Decke gefüllt mit Büchern.

Sie sei heiser und müsse sich ein wenig schonen, erklärt sie. Kommenden Donnerstag möchte sie ihre Dankesrede in der Berner Nationalbibliothek nicht mit der Stimme im Keller halten. Dann wird die 81-jährige Autorin nämlich mit dem Schweizer Grand Prix Literatur 2018 für ihr Gesamtwerk geehrt.

Ein Gesamtwerk, das durch seine Poesie und seinen genauen Blick auf die Menschen besteche, wie es in einer Erklärung des Bundesamts für Kultur (BAK) heisst. Den ersten Baustein legte Felder 1970 mit einem Roman, der den Nerv der damaligen Schweiz traf.

Quasi Heimweh

Anna Felder wurde 1937 als Tochter einer Tessinerin mit italienischen Wurzeln und eines Deutschschweizer Vaters in Lugano geboren. Nach der Matura zog es sie über den Gotthard nach Zürich, wo sie an der Universität Romanistik studierte. Anschliessend trat sie eine Anstellung als Italienischlehrerin in Aarau an.

Das war Ende der 1960er-Jahre, als die Schweizer Wirtschaft für ihre Baustellen und Fabriken Arbeitskräfte brauchten. «Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen», brachte Max Frisch die Zuwanderung von Italienern auf den Punkt. Menschen, die eine andere Mentalität und ihre Familie mit sich im Gepäck trugen. Gleichzeitig wuchs das Unbehagen in der Schweizer Bevölkerung und mündete in verschiedene «Überfremdungsinitiativen».

Vor diesem gesellschaftlichen Hintergrund klopfte das Erziehungsdepartement des Kantons Aargau bei der jungen Italienischlehrerin an. Der Kanton hatte ein Sonderinspektorat geschaffen, das sich um Integrationsfragen der Gastarbeiterkinder kümmern sollte. «Es gab Tausende Probleme zu bewältigen, administrative und menschliche», erinnert sich Felder.

Als Sonderinspektorin besuchte sie unzählige Schulen und brachte ihre Beobachtungen zu Protokoll. Aus ihren Notizen, die sie während der Arbeit machte, entstand ihr erster Roman, «Quasi Heimweh». 1970 auf Deutsch bei der «NZZ» erschienen, schilderte der Roman den damaligen Zustand und die Schwierigkeiten der Schweiz mit einem einfühlsamen Auge für ihre Figuren, ohne auf Sentimentalitäten zurückzugreifen.

Auf Sentimentalität verzichtete Felder auch in ihrem zweiten Roman, «Umzug durch die Katzentür» (1975). Darin müssen die Bewohner ihr baufälliges Haus verlassen, da es demoliert wird; ein alter Mann ist der Einzige, der sich dagegen sträubt. Das Ungewöhnliche an dem Roman ist, dass die Geschichte aus dem Blickwinkel einer Katze erzählt wird, ebenfalls Bewohnerin des Hauses. «Ein Haus, das zerstört wird, und ein alter Mann, der ausziehen muss; das bringt ja einen schon genug zum Weinen», meint Felder verschmitzt zu ihrem erzählerischen Kniff.

Dieser ermöglichte es ihr, ungewöhnliche Perspektiven einzunehmen und Distanz zu den Figuren zu wahren.

Fleissige und stille Arbeiterin

Alle Romane und Erzählungen von Felder zeichnen sich durch einen präzisen Blick auf Menschen, Objekte oder Situationen aus, die im Alltag häufig übersehen werden. Es entstehe der Eindruck von Stillleben, die fotografisch oder gemalt festgehalten werden, bemerkte ein Rezensent zu ihrem Erzählband «No Grazie» (1999).

Allerdings ist ihr Blick nicht kalt, sondern immer durch Menschlichkeit und Humor geprägt. «Der feine Humor und die Mehrdeutigkeit ihrer dichten, poetischen Sprache sind sehr typisch für ihre Bücher. Das ist ganz fein, dass sie den Grand Prix Literatur erhält», meint Claudia Storz (69), erfolgreiche Aargauer Schriftstellerin und langjährige Freundin von Felder. Sie freue sich umso mehr, da Felder eine fleissige und stille Arbeiterin sei. «Da stimmt jedes Wort. Sie meisselt und schleift liebevoll an ihren Texten, nichts ist dem Zufall überlassen», so Storz.

Wie sie an ihren Texten meisselt, demonstriert sie gleich selber und erinnert sich an die Entstehung eines Satzes: «Ich fing also an: ‹Die Frau stieg mit einem Blumenstrauss aus ihrem Garten, dessen Blumen gelb und rot blühten, in den Zug ein und …› niente. Also nochmals: ‹Sie betrat den Zug mit einem Blumenstrauss aus ihrem Garten ...› das wird auch nichts. ‹Sie trat mit der Sonne ihres Gartens ein!›»

Seit fast einem halben Jahrhundert nun schreibt Anna Felder. Dabei habe sie ihre Schriftstellerei nie als blosse Nebenbeschäftigung verstanden, sondern als ernste Arbeit. Dementsprechend sei sie auch sehr contenta e commossa, glücklich und gerührt, über den Grand Prix. Leserinnen und Leser, die Felder (wieder)entdecken möchten, werden bald belohnt: Am 15. Februar erscheint die deutsche Übersetzung ihres neusten Erzählbandes, «Circolare».

Wie ihre früheren Werke zeichnen sich auch diese Erzählungen durch einen liebevollen Blick unter die Oberfläche des Alltäglichen aus. Und vom Schreiben scheint sie noch lange nicht genug zu haben: «Diese Freiheit, die man vor einer weissen Seite hat! Troppo bello!», schlicht zu schön.

Verleihung der Schweizer Literaturpreise 2018: Do, 15. Februar, 18.00 Uhr, Nationalbibliothek Bern.