Schauspielhaus Zürich

Die Zuschauerprobleme an den Zürcher Theatern sind kein Zufall

Selbst bei vermeintlichen Cash Cows wie dem «Schwarzen Hecht» ist das Schauspielhaus Zürich halbleer. Kein Wunder: das Stück wurde dekonstruiert.

Selbst bei vermeintlichen Cash Cows wie dem «Schwarzen Hecht» ist das Schauspielhaus Zürich halbleer. Kein Wunder: das Stück wurde dekonstruiert.

Soll das feste Ensemble des Theaters Neumarkt aufgelöst werden, wie das der Tages-Anzeiger fordert? Es wäre der falsche Weg, auch wenn die Leitung ausgewechselt gehört. Die Stadt sollte zudem dem Dampfer Schauspielhaus Auflagen machen.

Für einmal war die «Weltwoche» vergleichsweise harmlos: Man spottete nur über einen Abend am Zürcher Theater Neumarkt, da es dort wie am bunten Abend in einem Jugendtreff zu- und hergehe, und fügte an, dass jeder Sitz mit 464 Franken subventioniert sei. Schon vorher war weitum aufgefallen, dass das vor allem in den 1980er- und 1990er-Jahren so hochgelobte Theaterhaus seit einem Direktionswechsel im Jahr 2011 in die Krise geraten ist – die Zahlen sind in den Keller gesaust: Gerademal 10 000 Besucher zählte man in der letzten Saison. Das sei halb so schlimm, meinte allerdings die «NZZ»: Allgemein würden Theater ja Zuschauer verlieren. Und folgerte: «An den Theatern liegt es nicht.» Vielmehr habe der Strukturwandel in der Unterhaltungsbranche das Angebot diversifiziert. Auch Facebook sei – einmal mehr – schuld.

Auf Neugierde hoffen nur Theaterträumer

Schöne «NZZ»-Träumereien! Selbst wenn die Theater allgemein leicht Zuschauer verlieren (längst nicht alle, das Kurtheater Baden oder das Theater Biel Solothurn gewinnen sie!), ist der Neumarkt-Einbruch kein Zufall. Ralf Fiedler und Peter Kastenmüller gelang es nicht, die Leute in ihr Theater zu locken. Zu erratisch kam dieses Programm daher, kein Mensch wurde damit aus der Reserve gelockt. Auf Neugierde hoffen nur Theaterträumer.

So fuhr denn der «Tages-Anzeiger» am 13. November das ganz grosse Geschütz auf. Wenn ein mit fast 5 Millionen Franken subventioniertes Theater mit festem Ensemble bloss noch 10'000 Zuschauer anziehe und nicht mal 10 Prozent selbst erwirtschafte, verliere es seine Existenzberechtigung. Es reiche, wenn Zürich ein einziges festes Ensemble, jenes des Schauspielhauses, habe. Das Geld soll in die freie Szene fliessen.

Eine Stadt, die 81 Millionen an Subventionen ins Opernhaus stopft, soll sich tatsächlich keine zweite Sprechtheaterbühne mit festem Ensemble leisten können? Wäre nicht zuerst der Auftrag des Schauspielhauses zu überdenken, jenes Dampfers, der von freien Theatern seit 20 Jahren mehr oder weniger ungewollt Zuschauer abgrast, da man genauso jung und frech und am Puls der Zeit sein will? Warum spielt das Schauspielhaus nicht einmal im Jahr die noch vor 20 Jahren so erfolgreichen famosen Boulevard-Komödien von Eugène Labiche oder Georges Feydeau? Warum hängt man anstatt einer Komödien-Produktion lieber nochmals ein «Projekt» an – ein «Projekt», das ins Neumarkt oder ins Theaterhaus Gessnerallee passen würde? Man darf der Leitung keine Auflagen machen? Christoph Marthaler konnte man auch entlassen, da er die Finanzen nicht im Griff hatte.

25-mal wäre das mit 35 Millionen subventionierte Haus ausverkauft, würde man «Arsen und Spitzenhäubchen» chic inszeniert und nicht so dekonstruiert wie zu Saisonbeginn den «Schwarzen Hecht» von Paul Burckhardt spielen. Sie wollen diesen Samstag oder gar an Silvester diese tolle Burckhardt-Komödie sehen? Kein Problem, das Schauspielhaus ist immer noch halb leer.

Wen wunderts, dass jene Theater, in der Komödien Platz haben, finanziell gesund sind? Das sich selbst finanzierende Bernhard-Theater, das Theater Hechtplatz oder auch das aufsteigende Theater Rigiblick (78 Prozent Eigenwirtschaftlichkeit). Ebenfalls top ist allerdings auch die mit einem 16-Franken-Einheitspreis agierende Gessnerallee – das Haus für modernes Theater und Tanz (25'000 Zuschauer, 48 Prozent Eigenwirtschaftlichkeit).

Zurück zum Schauspielhaus: Wer Cash Cows wie den «Schwarzen Hecht», der andere Produktionen querfinanzieren könnte, in den Sand setzt, muss sich nicht wundern, dass die Eigenwirtschaftlichkeit rasant sinkt: Bei gerade mal 20 Prozent ist sie im Schauspielhaus angekommen. Noch akzeptieren das die Subventionsgeber. Doch der Wind in der Politik und im Volk dreht. Nicht nur in Zürich. Dass die Baselbieter Regierung Ende Oktober eine Subventionserhöhung des Theaters Basel abgelehnt hat, ist kein Zufall. Jeder dritte Onlinekommentar in der Zürcher Diskussion heisst: «Keine Subventionen für die Kultur!» Gebrüll, gewiss, aber bedrohliches.

Viele Leiter grosser Theater merken gar nicht, wie ernst die Lage für sie ist. Die Schauspielhaus-Intendantin Barbara Frey kann es sich leisten, auch ausser Haus zu inszenieren, wochenlang von Zürich fernzubleiben. Und führt sie im eigenen Haus Regie, wird sie ab der zweiten Inszenierung noch extra dafür bezahlt – 30'000, vielleicht 50'000 Franken «Zuschuss». Eine absurde, wenn auch international gängige Praxis. Noch. Nachdem man am Wiener Burgtheater gesehen hat, wie sich dessen entlassener (Ex-Zürcher-)Direktor Matthias Hartmann jährlich vier eigene Regien à 50 000 Euro zugeschanzt hat und sein Grundgehalt von ca. 220'000 Euro massiv aufstockte, war man geschockt – nebenbei inszenierte auch er ausserhalb Wiens. Das Burgtheater hatte zum Schluss seiner Intendanz mehr als 10 Millionen Euro Schulden. Wer das bezahlt, ist klar.

Das Neumarkt-Theater hat Trümpfe im Sack

Das Neumarkt Theater hat noch keine Schulden, es muss nicht aufgelöst werden. Das Neumarkt Theater hat als die etwas andere Bühne sogar grandiose Trümpfe im Sack. Das Haus verströmt ähnlich wie der Rigiblick geradezu Sympathie, hat das gewisse Etwas, wonach andere Institutionen – auch Konzerthäuser oder Museen – krampfhaft suchen. «Nur» Kunst reicht nämlich nicht mehr. Bester Beweis dafür ist das Zürcher Theaterspektakel. Obwohl schon seit Jahren auch damit kämpfend, dass die Stadttheater seine Domäne des freien wilden Theaters beackern, zählte man im Sommer 2014 wieder fast 25'000 zahlende Besucher, die Auslastung betrug 84 Prozent.

Kein Wunder: Der See und das Freiluft-Erlebnis versprechen trotz Sommerregen Atmosphäre – ein Nasi Goreng sorgt für den Rest. Im Neumarkt gibts kein indisches Thali, aber den grossartigen Duft des Niederdorfs und einen einzigartig grandiosen Theatersaal, der ein Ensemble verdient – und eine neue Leitung.

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