1. Politische Anerkennung

Das Ja zum Kulturgesetz 1968 und die Schaffung des unabhängigen Kuratoriums nennen Politiker bis heute gerne eine Pioniertat. Auch dass die Revision des Gesetzes 2009 gelang, zeige, dass der Aargau eben doch ein Kulturkanton sei, hiess es stolz. Dass der viertgrösste Kanton bei seinen Kulturausgaben pro Kopf lediglich den 23. Rang belegt, verschweigt man dabei lieber.

Das Kuratorium steht heute im Gegenwind: Davon zeugen die Debatten im Grossen Rat, die Budget-Kürzungen wie auch das teilweise Auslagern des Kuratoriums-Kredits vom ordentlichen Budget in den Swisslos-Fonds. Der Kanton spricht für Leuchttürme und insbesondere aus dem Swisslos-Fonds für prestigeträchtige und populäre Projekte mehr und höhere Beiträge. Das Kuratorium ist dagegen in den letzten Jahren marginalisiert worden – beim Renommee wie bei seinen finanziellen Mitteln. Es gilt, das Gleichgewicht wieder herzustellen.

2. Unabhängigkeit

Das Wort unabhängig steht zwar nicht im Gesetz, aber juristisch bindend heisst es: «Das «Kuratorium entscheidet». Zum Verständnis: Normale Kommissionen schlagen vor, dann entscheiden Regierung oder Parlament. Juristisch ist das Kuratorium also eine unabhängig entscheidende Instanz. Personell ist es komplizierter: Die elf von Grossrat und Regierung gewählten Kuratorinnen und Kuratoren bekommen keinen Lohn, nur Sitzungsgeld – unabhängiger kann man wohl nicht sein. Die Fachstellen dagegen sind vom Departement Bildung, Kultur und Sport (BKS) angestellt und seit einigen Jahren auch beim Departement im Behmen angesiedelt. Wem sind sie verpflichtet? Wie gross darf ihr Einfluss sein?

Waren Kuratorium und Departement in den Anfangsjahren auf Distanz oder gar auf Konfrontationskurs in puncto Förderprinzipien – so ist in den letzten Jahren eine Annäherung zu beobachten. Ob Kulturforum, Kulturleitbild des Kantons oder Events: BKS-Chef Thomas Pauli und Kuratoriums-Präsident Rolf Keller treten gemeinsam auf, sprechen stets mit einer Stimme und einem Papier. Absprachen mögen gut sein – mehr Unabhängigkeit wäre besser.

3. Haltung

Fantasievolle Kampagnen brachten 1968 das Ja des Stimmvolkes zum Kulturgesetz, mutiges Auftreten des ersten Präsidenten sicherte dem Kuratorium eine sinnvolle Basis. Interventionen des Grossen Rates nach dem «Symposium von Seengen» oder nach «Zofiscope» (zwei Festivals, die nicht dem Bild der schönen Kultur entsprachen) parierte man mutig, selbstbewusste Lobby-Arbeit führte später zum Aufstocken des Kredits. Heute wirkt das Gremium nach aussen defensiv, manchmal gar ängstlich. Konfrontation mit dem Grossen Rat vermeidet man. Warum?

4. Sprache in der Kulturpolitik

Einst pflegten reiche Fürsten die Kunst und Künstler. Dieses feudale Verständnis ist in der staatlichen Kulturförderung in Geist und Wort unterschwellig noch immer präsent. Man spricht – gönnerhaft – von Gesuchstellerinnen und Förderern. Nachdem Kultur nun seit 50 Jahren als Staatsaufgabe und Staatsausgabe gesetzlich festgeschrieben ist, könnte man die Diktion der Zeit anpassen. Kulturfinanzierung statt Kulturförderung wäre eine Lösung. Oder spricht jemand von Strassenförderung oder Spitalförderung?

5. Impulse für die Kultur

Niemand im Kanton hat so viel Informationen und Wissen über die aktuellen Künste wie das Kuratorium. Niemand merkt besser, wo der Schuh drückt – und niemand könnte Potenzial besser erkennen und für Schub sorgen. Das Gremium ist Neuem gegenüber offen, aber es reagiert meist nur (das Theaterprojekt Szenotop ist die löbliche Ausnahme). In den 90er-Jahren noch gab sich das Kuratorium mit den «Jokers» selber ein Mittel und Risiko-Kapital, um Neues aufzugleisen. Trends aufnehmen, Überraschendes wagen und Impulse setzen! Das könnte doch ein Vorsatz für den Start in die nächsten 50 Jahre sein.